Leserbriefe : Sollte Sterbehilfe erlaubt werden?

Zur Diskussion über Sterbehilfe

Allein gelassen sind in jedem Fall derzeit die lebensmüden Menschen, die krankheitsbedingt diesen Schritt trotz geistiger Klarheit nicht selbstständig tun können. Im Gegenteil! Sie kriegen auch gegen ihren Willen noch eine Magensonde. Wäre ja noch schöner, wenn man sterben wollte, wie und wann man will. Humanität kann auch inhuman sein. Jeder den Freitod Suchende ist individuell und einzig. Wir, die aus über 80 Millionen Einzelpersonen bestehende Gesellschaft, sollten vor solcher Entscheidung Respekt haben. Auch nötigenfalls straffrei, ohne Bezahlung, beim letzten Schritt helfend zur Seite stehen können.

Werner Tietz, Berlin-Lichterfelde

Der jetzt diskutierte Fall, in dem Herr Kusch einer Rentnerin Sterbehilfe leistete, ist in der Tat makaber. Die Frau war nicht sterbenskrank, sie hatte einfach keinen Mut zum Leben mehr. In einem solchen Fall ist Sterbehilfe meines Erachtens nicht zu rechtfertigen. Herr Kusch hätte der Dame vielmehr helfen müssen, ihren Lebensmut wiederzufinden. Das einzig Gute an dieser Tragödie ist, dass über Sterbehilfe wieder diskutiert wird.

Die Gesetzeslage dazu ist derzeit wohl eher diffus. Selbst wenn ich in einer Patientenverfügung festgelegt haben sollte, dass ich zum Beispiel im Falle eines Komas oder einer tödlichen Krebserkrankung nicht künstlich ernährt werden oder zur Lebensverlängerung an irgendwelche Apparate angeschlossen werden will, müssen Ärzte das wohl nicht respektieren, wenn eine theoretische Chance auf Besserung meines Zustands besteht, und sei sie auch noch so klein. Das lehne ich entschieden ab. Ich wünsche mir, dass mein Wille auch dann respektiert wird, wenn ich nicht mehr ansprechbar bin, weil ich zum Beispiel demenzkrank bin oder im Koma liege. Ich würde dann wollen, dass man die Apparate abschaltet oder dass man mir zum Beispiel im Falle einer tödlichen Krebserkrankung hilft, friedlich in den Tod hinüberzugleiten, bevor die Schmerzen unerträglich werden. In solchen Fällen sollte zumindest Ärzten Sterbehilfe ausdrücklich erlaubt werden.

Renate Kappe, Berlin-Friedrichshain

Sehr geehrte Frau Kappe,

sehr geehrter Herr Tietz,

der Philosoph Hans Jonas, der als Anwalt des Lebens weltweit Aufmerksamkeit gefunden hat, musste sich überwinden, von einem „Recht zu sterben“ zu sprechen. Denn Rechte sind seit Menschengedenken dazu da, Leben zu schützen und Lebensansprüche zu sichern. In ihnen wirkt ein starker Impuls zu leben, dem wir uns, wenn Verantwortung kein leerer Begriff sein soll, nicht leichtfertig entziehen dürfen. Dennoch ist Jonas zu einem entschiedenen Verfechter des „Rechts zu sterben“ geworden. Den Grund sprechen Sie in Ihren Briefen an: Die moderne Medizin kann Menschen daran hindern, ihr natürliches Ende zu finden. Wenn ein durch Krankheit gezeichnetes Leben nicht länger gelebt werden kann, wenn keine Aussicht auf Heilung besteht oder der Schmerz unerträglich wird, dann hat ein Mensch das Recht zu sterben. Dann darf er nicht durch andere, seien es Ärzte, Pfleger oder Angehörige, daran gehindert werden, eines natürlichen Todes zu sterben. Angesichts des medizinisch möglich gewordenen Zwangs zu leben, hat jeder, wie Hans Jonas sagt, ein „Recht auf seinen eigenen Tod“.

In diesem Punkt sind Sie sich beide einig, und ich bin überzeugt, dass eine große Mehrheit genauso denkt wie Sie. Sie verlangen „Respekt“ vor der Entscheidung des Einzelnen und fordern damit, was das Grundgesetz ohnehin jedem Menschen garantiert. Dennoch wird dieses Recht den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland verwehrt. Es ist ein Skandal, dass Ärzten Strafverfolgung droht, wenn sie dem Wunsch eines Patienten folgen und der Krankheit ihren Lauf lassen.

Nicht einig sind Sie sich darin, unter welchen Bedingungen dem Verlangen des Patienten stattgegeben werden soll. Während Herr Tietz der Ansicht ist, dem Willen des Individuums müsse unter allen Umständen Rechnung getragen werden, votiert Frau Kappe für eine Beschränkung auf den unwiderruflichen Krankheitsfall. Ich neige der zweiten Auffassung zu, der auch ein an den hippokratischen Eid gebundener Arzt zustimmen können müsste. Denn im Fall einer todbringenden Krankheit dient ein verantwortungsbewusster Arzt dem Leben am besten, wenn er den Patienten sterben lässt. Wann aber ist der Fall gegeben, in dem wir den Wunsch eines Kranken als berechtigt ansehen? Wo liegt die Grenze zwischen einer psychisch und sozial bedingten Lebensmüdigkeit und der organisch verursachten Unerträglichkeit eines physischen Zustands? Kann es ein objektives Kriterium geben, wenn sich durch schmerzlindernde oder gemütsaufhellende Mittel das subjektive Befinden der Patienten weitreichend ändern lässt? Wollen wir dem Todeswunsch eines Kranken erst nach der dritten Chemotherapie stattgeben, oder soll er, in kluger Voraussicht, schon vor der ersten sterben dürfen?

Die Schwierigkeit einer Abgrenzung führt mich dazu, der Auffassung von Herrn Tietz zuzustimmen. Obgleich es, schon aus Gründen der Selbstachtung, eine moralische Pflicht zu leben gibt, können wir sie nicht zum rechtlichen Gebot erheben. Wenn ein Mensch sterben will, soll man ihm helfen, wieder Lebensmut zu schöpfen. Aber wenn er auch gegen Widerstände bei seiner Entscheidung bleibt, stoßen Macht und Recht an eine definitive Grenze. Da wird es in der Tat „inhuman“, Humanität beweisen zu wollen. Und ins Abseits der Humanität gerät, wer einem handlungsfähigen Menschen die Ausführung seines Todeswunsches abnimmt. Damit ist auch schon alles über Roger Kusch gesagt. Schade nur, dass ihm die Untätigkeit des Deutschen Bundestags Anlass zu seinem inhumanen Sensationalismus gibt.

Mit besten Grüßen

Ihr

— Prof. Dr. Volker Gerhardt, Institut

für Philosophie der Humboldt-Universität Berlin

und Mitglied im Nationalen Ethikrat

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