Leserbriefe : SOZIALHILFE FÜR DEUTSCHE IM AUSLAND Spinnen die Psychologen?

Unser Leser Horst Hegermann versteht nicht, was eine „Deutschland-Phobie“ ist. Der Vizepräsident des Verbandes deutscher Psychologen, Uwe Wetter, erklärt es ihm

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Zu: „Mit Sozialhilfe in Florida – man muss es zu nehmen wissen“ vom 17. August 2003 und „Im Ausland leben – das Geld vom Sozialamt kommt trotzdem“ vom 18. August 2003

Es ist nicht zu fassen, was alles möglich ist. Es gibt sicher viele Menschen hierzulande, die gerne ein Haus in Florida hätten, es sich aber nicht leisten können und somit darauf verzichten müssen. Nicht so einige unserer Sozialhilfeempfänger.

Mit Hilfe durchgeknallter Psychoklempner ermöglichen unsere Gesetze diesen Schmarotzern ein Luxusleben unter Floridas Sonne auf Kosten der ohnehin schon geschröpften Steuerzahler hierzulande. Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein Psychologe den Aufenthaltsort eines Patienten ins Ausland verlegen muss, um ihn erfolgreich therapieren zu können. Auch dort könnte dem „armen Kerl“ ja Schlimmes widerfahren und er müsste erneut in ein anderes Land „verlegt“ werden.

Die Sozialgesetze müssen sofort dahingehend geändert werden, dass Sozialhilfe generell nur von Personen mit ständigem (und kontrolliertem) Aufenthalt im Inland bezogen werden darf, auch wenn das nach Ansicht Ihres Kommentators den Staatshaushalt nicht in Ordnung bringen sollte.

Horst Hegermann, BerlinRudow

Sehr geehrter Herr Hegermann,

die Begutachtung eines Menschen hinsichtlich seiner möglichen psychischen Beeinträchtigungen bzw. Erkrankungen wird üblicherweise von Diplom-Psychologen und/oder Psychiatern im Auftrage der Sozialgerichte und/oder Behörden (wie z.B. dem Sozialamt) vorgenommen.

Die dabei gestellten Fragen gilt es gemäß wissenschaftlicher Kriterien und Standards möglichst exakt zu beantworten. Wenn dann eine Aussage über einen momentanen Zustand getroffen wird (bei den meisten Erkrankungen der Regelfall), können solche Ergebnisse nicht einfach ungeprüft in die Zukunft übertragen werden. Wenn der in der Presse gerade aktuell dargestellte Fall des Sozialhilfeempfängers in Florida tatsächlich vor einigen Jahren eine Art „Deutschland-Phobie“ attestiert erhalten hat, so muss das nicht andauernd gelten und es ist auch nicht zu verstehen, wenn die Behörde hier nicht nachgehakt hat, um sich ein aktuelles Erkrankungsbild darstellen zu lassen.

Die diagnostische Feststellung, dass jemand aufgrund seiner aktuellen psychischen Verfassung und damit verbundener etwaiger suizidaler Gefährdungen nicht in der Lage erscheint, sich wieder an den Ort zu begeben, wo die Krise für ihn ursächlich entstanden ist, ist gar nicht so außergewöhnlich.

Wenn Menschen durch Katastrophen oder Unfälle traumatisiert wurden, wäre eine solche Feststellung äußerst plausibel. Im konkreten Fall habe ich nach allem, was mir bekannt geworden ist, allerdings auch gewisse Zweifel an der Dramatik, die sich für diesen Betroffenen damals ergeben haben dürfte.

Die Begutachtung hinsichtlich solcherart psychischer Phänomene ist sicherlich nicht immer für alle Laien transparent nachvollziehbar, zumal die Akzeptanz psychischer Probleme und Erkrankungen in der Bevölkerung immer noch geringer ist als die Akzeptanz somatischer Erkrankungen, die möglicherweise nur die Folgen von permanentem Fehlverhalten (zum Beispiel Alkohol, Ernährung u.a.) und psychischer Belastungen (zum Beispiel Arbeitsplatzverlust, Scheidung u.a.) sind. Neben dem möglichen Versuch des Betroffenen in diesem konkreten Fall, hier bewusst Missbrauch mit deutschen Steuergeldern zu betreiben, wäre auch erneut das Missverständnis gegenüber psychiatrischen und psychologischen Expertisen zu beklagen.

Der Berufsverband Deutscher Psychologen bietet deswegen hier Informationen an, die die Begriffsverwirrung der Berufsbezeichnungen klären helfen und auch die Beurteilung und Nachvollziehbarkeit von Gutachten ermöglicht.

Uwe Wetter ist als Diplom-Psychologe, Psychotherapeut und als Rechtspsychologe Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

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