Leserbriefe : Sozialkritische Kunst ist nicht erwünscht

„Wir müssen leider draußen bleiben –

Das prekäre Bild: Warum sich die zeit-

genössische Kunst der sozialen Realität

verweigert, vor allem in Deutschland“

von Thomas Wulffen vom 16. November

Der Artikel veranlasst mich zum Widerspruch. Ich bin ein seit drei Jahren in Berlin lebender „zeitgenössischer Künstler“. Schon 1997 habe ich zusammen mit einem Hamburger Arbeitsamt ein Projekt realisiert, das auf die Situation der Arbeitslosen aufmerksam machen sollte. Innerhalb eines Monats ließ ich von Mitarbeitern des Arbeitsamtes Hamburg-Altona alle Wartenummern einsammeln, die die zu beratenden Personen bei ihren Terminen im Arbeitsamt ziehen müssen. Es waren über 11 000 Nummern in einem Monat in diesem Amt. Das Objekt, das ich daraus fertigte, wurde in Hamburg in eben diesem Arbeitsamt sowie in der DGB-Zentrale gezeigt. Galerien hatten kein Interesse. Das hat sich bis heute nicht geändert. Im September habe ich das Objekt in einer Einzelausstellung in der Produzentengalerie „Kunst Raum Ko“ in Schöneberg gezeigt. Andere Berliner Galerien haben kein Interesse. Das liegt meiner Meinung nach nicht an der mangelnden Qualität des Kunstwerkes, sondern eher daran, dass politisch motivierte Kunst (zumindest wenn Sie eindeutig als solche erkennbar ist) von den Galeristen nicht erwünscht ist. Sie könnten ja ihre vorwiegend „reiche“ Klientel, die häufig nicht unwesentlich von den sozialen Missständen profitiert, verschrecken.

Dass sozialkritische Kunst so wenig in der Öffentlichkeit gezeigt wird, liegt also nicht ursächlich an den Künstlern, die sich diesem Sujet verweigern, sondern eher an den Institutionen, die sich weigern, eine soziale Debatte mitzutragen. Es ist wünschenswert, dass sich da ein wenig mehr kritisches Denken durchsetzt. Profit kann auch für Galeristen nicht alles sein!

Rolf Sellmann, Berlin-Schöneberg

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