Leserbriefe : Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

„Experimente am lernenden Objekt / Auch in Berlin dreht sich munter das Bildungsreformkarussell“ von Harald Martenstein

vom 10. Januar

Herr Martenstein, das darf nicht wahr sein! Wir befinden uns im Jahre 1 von Deutschlands Ratifizierung der UN-Konvention zur Inklusion, und Sie schreiben einen solchen Artikel. Hoffentlich hat das keiner gelesen, der es den UN weitersagt, dann könnten Sie mit einem Besuch der Blauhelme rechnen. Ich bin wirklich entsetzt, denn Ihre Meinung ist ja Ihre Meinung, aber dass Sie auf fast einer Seite allen wissenschaftlichen Daten Hohn sprechen: Beispielsweise gibt es Untersuchungen dazu, dass die Integration von „schwierigen Kindern“ funktioniert und gelingen kann. Was wäre Ihre Alternative? Jeder schön in seine Schublade, Hauptsache das eigene Fleisch und Blut ist gerettet. Gesamt- und Gemeinschaftsschulen können sehr gut funktionieren, wenn sie entsprechend ausgestattet sind. Ich glaube zwar auch, dass Bildungstheoretiker sich von den Praktikern beraten lassen sollten, aber Bildung, gemeinsame Bildung ist eine Aufgabe von uns allen, sie ist und bleibt eine gesellschaftliche Frage, ob Sie höchstpersönlich das nun wollen oder nicht. Bildungspolitik soll nicht die gesellschaftlichen Probleme lösen, nein, aber wir können alle dazu beitragen und ehrlich: Wir Lehrer sind nicht so doof und unfähig oder sarkastisch, wie uns immer nachgesagt wird. Es gibt auch gute Exemplare, die an funktionierenden integrierenden Gemeinschaftsschulen arbeiten und das mit Erfolg.

Dr. Ulrike Barth, Berlin-Lichterfelde

Martensteins Position ist die eines liebenswerten, intelligenten, hinter der Gegenwart zurückgebliebenen Egoisten, liebenswert, weil er so schön schreiben kann und ohne intellektuelle Verbrämung seine Interessen formuliert, intelligent insofern, als er die entscheidenden Problemstellen des Gemeinschaftsschulkonzepts offenlegt, rückständig, weil er einen verengten und unzeitgemäßen Lernbegriff verinnerlicht hat, und egoistisch, weil er ein Schulsystem nach dem Prinzip „Rette sich, wer kann“ fordert.

Die ab Sommer geplante Sekundarschule stellt eine adäquate Antwort auf Probleme dar, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Und zum ersten Mal in Deutschland existiert mit dieser neuen Schulform eine Chance, die fatale Abhängigkeit von Schulerfolg und sozialer Herkunft zu entkoppeln, weil man auch in dieser Schule auf dem direkten Weg den qualifiziertesten Abschluss erlangen kann. Das eine Jahr an zusätzlicher Zeit gegenüber dem Gymnasium, die wesentlich kleineren Lerngruppen und die Ganztagsausstattung mit sozialpädagogisch betreuter außerunterrichtlicher Zeit und mit Mensa und Freizeiteinrichtungen bieten alle materiellen Voraussetzungen einer besseren und qualifizierteren Ausbildung von Schülerschichten, die bisher nicht erreicht wurden oder nicht angemessen gefördert wurden. Sozialisierung ist allemal besser und auch kostengünstiger als Resozialisierung. An diese Bemühungen mit einem altsprachlich geprägten Weltbild heranzugehen und deren Schüler von vornherein zu Schmuddelkindern zu erklären und sich zu schütteln bei dem Gedanken, das eigene Premiumkind mit ihnen in einer Klasse zu wissen, zeugt von Hochmut und Ignoranz. Die Sekundarschule stellt eine große Kraftanstrengung dar, sie ist der letzte Versuch vor dem völligen Scheitern, vor der endgültigen Ghettoisierung Berlins, sie muss gelingen und bedarf der Unterstützung aller, auch und vor allem des Bildungsbürgertums. Anderenfalls werden wir in Sicherheitstechnik statt in Schulen investieren.

Wolfgang Harnischfeger, bis Sommer 2009 Schulleiter am Beethoven-Gymnasium und Vorsitzender der Vereinigung

Berliner Schulleiter in der GEW.

Es ist Herrn Martensteins gutes Recht, für seinen Sohn die Schule auszuwählen, die ihn nach seiner Überzeugung am besten auf das Leben vorbereitet. Was mich nur erstaunt, ist, dass diejenigen, die ein längeres gemeinsames Lernen befürworten, für ihn die „letzten Ideologen“ sind, während seine Anhänglichkeit an ein „zweieinhalbtausend Jahre“ altes System gymnasialer Bildung ohne weitere Begründung auskommt. Das ist dann natürlich keine Ideologie. Oder? Vielleicht ist die (Bildungs-)Welt doch nicht ganz so einfach schwarz-weiß zu zeichnen. Auch die Schülerschaft des Gymnasiums ist heute viel heterogener als zu Martensteins Schulzeit. Die Gesamtschule – letztlich das Vorbild der neuen Sekundarschule – hat diese Heterogenität aber, anders als das Gymnasium, akzeptiert und mit differenzierten Angeboten darauf reagiert. Es ist daher abwegig, der Gesamtschule/Sekundarschule zu unterstellen, sie schere alle Schüler über einen Kamm, orientiere sich vorrangig an den Bedürfnissen der Leistungsschwächeren und unterfordere die Leistungsstarken. Ich habe in über 30 Jahren Arbeit an der Sophie-Scholl-Oberschule zahllose Gespräche mit Eltern geführt, die das Lernangebot der Gesamtschule mit seiner Differenzierung nach Leistung und Neigung als richtig und für die individuelle Entwicklung ihres Kindes wichtig empfanden. Diese Eltern haben ihre zum Teil hervorragend qualifizierten Kinder lieber bei uns als an einem Gymnasium angemeldet. Alles Ideologen? Alles Eltern, die ihr Kind einem Experiment mit ungewissem Ausgang ausgesetzt haben? Die Resultate geben eine eindeutige Antwort: Den Vergleich mit den Berliner Gymnasien mussten wir nie scheuen.

Klaus Brunswicker, Schulleiter Sophie- Scholl-Oberschule, Berlin-Schöneberg

Wenn man Martensteins elitäre Ausführungen zu Ende denkt, dann gibt es Menschen, welche quasi als „Hauptschüler“ zur Welt kommen und die auch ihr ganzes Leben lang so bleiben werden; nach der Grundschule brauchen sie eigentlich nicht mehr zur Schule zu gehen; am liebsten sollten schon mit 13 Hartz IV beantragen – so würde ihre Zukunft „gesichert“ und sie würden auch die Kinder der Bildungsbürger in der Schule nicht mehr stören … Was ist eine Gesellschaft noch wert, in der es von Anfang an an Gerechtigkeit und gleichen Chancen für alle fehlt? Mit sich selbst erfüllenden Prophezeiungen über 10–15 Prozent der Schüler kann man jedenfalls keine Menschen fördern. Übrigens ist die leichte Ausrede vom fehlenden Geld zur Förderung der schwächeren Schüler nur ein Scheinargument: Wenn man jemanden von vornherein als hoffnungslosen Fall abstempelt, dann spielt der finanzielle Faktor keine wesentliche Rolle mehr. Es liegt an den Bildungsverantwortlichen, wie viel sie bereit sind zu integrieren bzw. auszugrenzen. Insofern ist auch das neue Modell der Sekundarschulen doch keine schlechte Idee, sondern mindestens einen Versuch wert.

Panos Alevizakis, Berlin-Reinickendorf

Der Artikel von Harald Martenstein spricht mir richtig aus der Seele. Ich möchte aber noch andere Gesichtspunkte ergänzen, nicht als Theoretiker, sondern als Lehrer. Dass viele Schüler trotz guter Leistungen nicht zur nächsthöheren Schulform wechseln, lag weniger am dreigliedrigen Schulsystem als an fehlenden Förderungsmöglichkeiten, unter denen alle Schulen bis heute leiden: zu große Klassen, Lehrermangel, Unterrichtsausfälle, überfrachtete Lehrpläne. Wenn Haupt- und Realschüler nun auf eine gemeinsame Schule gehen, werden die erreichbaren Leistungen mit denen der früheren Gesamtschule verglichen; ein Konzept, das schon früher nicht erfolgversprechend war, weil die besseren Schüler die schwächeren doch nicht so motiviert haben wie erwartet. Nun muss ein Gymnasiast ein Probejahr überstehen oder zurück auf die Sekundarschule. Eine erneute Umschulung ist doch mit schwerwiegenden Folgen für einen jungen Menschen verbunden! Der Berliner Senat und alle politisch und ideologisch motivierten Verfechter der Schulreform sollten zur Vernunft kommen, damit durch den Verzicht auf eine unausgegorene Schulreform Ruhe und Verlässlichkeit in die Schulen einziehen kann. Das Mindeste, was man deshalb bei den jetzigen Beschlüssen berücksichtigen sollte, wäre eine einheitliche Einführung der Reform in allen Bezirken im Jahre 2011, wenn alle Voraussetzungen für eine reibungslose Umstellung vorhanden sind und alle Schulen sich gleichzeitig an der Reform beteiligen.

Christa Krüger, Berlin-Schöneberg

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