Leserbriefe : Spielen Bildungsideale keine Rolle mehr?

Danke, Herr Lühmann! Sie haben dargelegt, was die große Mehrheit der in Berlin tätigen Lehrer über den an Output und fragwürdiger Bespaßungsmethodik orientierten Unterricht denkt. Zu ergänzen bleibt der einer ideologischen Programmatik innewohnende Widerspruch im Hinblick auf die Nutzung der Zeit. Die Erziehung zu differenzierend abwägenden, selbstbewusst Entscheidungen treffenden Persönlichkeiten bedarf eines Unterrichtes, der didaktisch durchgeplant ist, aber doch um Himmels willen fachbezogen den überlegenen wissenschaftlichen Kenntnisstand des Lehrenden zur Grundlage haben muss. Dies erfordert von Lehrern angesichts des immer rapider wachsenden Wissens in allen Fächern eine umfangreiche inhaltliche Vorbereitung auf den Unterricht. Gerade das aber kann nicht ausreichend geleistet werden, weil jetzt immer mehr Zeit nutzlos verschwendet werden muss für das Schreiben banaler Schulprogramme mit Erziehungsvereinbarungen, die allesamt Selbstverständlichkeiten wie den Verzicht auf Gewalt postulieren, für das Erstellen schulinterner Curricula, für „interne Evaluationen" unter zweifelhaften Fragestellungen, für die Vorbereitung und Durchführung von immer mehr Prüfungen banalster Art oder für Tests zur „Lernausgangslage" in der 7. Klasse. Weiteres wäre zu nennen. Den „Handreichungen" der Senatsschulverwaltung zur Präsentationsprüfung im MSA entnehmen wir, dass sich „die inhaltlichen Fakten (...) der Qualität einer stimmigen Argumentation unterzuordnen" haben. Ist also ein hervorragend powergepointetes und rhetorisch brillant illuminiertes antisemitisches Pamphlet mit „sehr gut" zu bewerten? Sollen 32 Schüler einer Klasse (Höchstzahl, die oft überschritten wird) nach Feststellung der „Lernausgangslage" binnendifferenziert unterrichtet werden? Vielleicht sollte bei Schülern endlich wieder um Verständnis geworben werden dafür, dass manche Fertigkeiten zunächst mit hartem Einsatz und Fleiß erarbeitet werden müssen. Dann, aber erst dann, wird die Vertiefung in speziellen Themenbereichen - auch mit Hilfe moderner Medien - nicht in den zurzeit propagierten Allrounddilettantismus münden.

Jürgen Zemke, Studienrat, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Zemke,

das Fieberthermometer kennt weder Diagnose noch Therapie. Und dennoch ist das Fieberthermometer für Ärzte unverzichtbar. Denn ohne Fieberthermometer ließen sich viele Krankheiten erst zu spät erkennen. Ohne solche diagnostischen Instrumente läge die Lebenserwartung in Deutschland immer noch unter 40 Jahren. Auf das Bildungswesen übertragen hat die KMK vor ziemlich genau 10 Jahren darüber diskutiert, ob man die "Temperatur" der Schulen messen sollte. Andere Länder hatten bereits beschlossen, die Leistungsfähigkeit ihrer Schulen zu messen. Ich habe damals den Antrag gestellt, dass sich auch Deutschland an PISA beteiligt.

Als im Jahre 2001 PISA vorlag, wurde für die Öffentlichkeit das deutsche Bildungssystem zum Patienten. Viele waren entsetzt, dass wir nur im Mittelfeld lagen. Ich sehe darin kein Desaster wie Lühmann. Aber Deutschland musste die Ergebnisse - wohl wissend, dass PISA nur einen Teilbereich untersucht, den Schule zu leisten hat - als Herausforderung annehmen, die Arbeit in den Schulen zu überprüfen und zu verbessern.

Bei den Bildungsreformen geht es um alle Schüler mit ihren jeweils individuellen Voraussetzungen. Die Schule muss sich nach den Schülern richten - und nicht umgekehrt. Im modernen Credo muss sie Unterschiede zwischen den Individuen annehmen und allgemein verbindliche Standards sichern.

Deshalb kann man heute nicht ein einzelnes Bildungsideal - auch nicht das Humboldt´sche - der sehr heterogenen Schülerschaft überstülpen. In einer vielfältigen und im Wettbewerb stehenden Gesellschaft kann das Produkt "Bildung" nicht uniform sein. Denn alle Schüler brauchen am Ende der Schullaufbahn eine Bildung, mit der ihnen aussichtsreiche Lebenswege offenstehen.

An diesem Ziel setzen die Berliner Rahmenlehrpläne an. Man hat sich von den wuchernden Stoffplänen verabschiedet, um sich dem jungen Menschen zuzuwenden. Damit sie im Tun Erfahrungen machen, Wissen aufnehmen und Fähigkeiten ausbilden, damit sie kompetent werden - und zwar im besten Humboldt´schen Sinne. Statt eines Gegensatzes von Methode und Wissen, Praxis und Theorie - wie ihn Zemke ausmacht - gibt es eine Komplementarität. Um auf die Heterogenität einzugehen, brauchen die Schulen genau den Methodenspielraum, den Lühmann wünscht. Dieser bedeutet aber auch ein Mehr an Verantwortung, Bereitschaft und Fähigkeit, Erfolg stetig zu hinterfragen. Schließlich wollte auch Wilhelm von Humboldt mit seiner Direktive von 1812 das Abitur einführen als Vereinheitlichung einer verbindlichen Reifeprüfung mit Prüfungen in den alten Sprachen, Deutsch, Mathematik, den "historischen Fächern", Französisch und Naturlehre.

Die zentralen Abschlüsse und Vergleichsarbeiten sind wertvolle Instrumente, um Qualität von Unterricht zu überprüfen. Um den Unterricht zu verbessern, wollen Lehrkräfte eine messbare Rückmeldung über die Wirksamkeit des eigenen Unterrichts. Da bin ich mir sicher. Nur wenn die Schule jede Schülerin und jeden Schüler bestmöglich auf das Leben vorbereitet, hat sie ihren schönen, schwierigen aber vor allem wichtigen Auftrag in Humboldts Sinn erfüllt.

— Prof. Jürgen Zöllner (SPD) ist Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

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