Leserbriefe : Stoiber sollte seine verbale Keule im Kabarett schwingen

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„Stoiber beschimpft Wähler im Osten – die CSU ist empört“ vom 12. August 2005

Sollte die Äußerung von Herrn Stoiber so gemeint sein, wie alle glauben, fände ich das nicht schlimm. Frustrierte? – Man muss sich doch nur einmal die Umfragewerte der Parteien in den neuen Bundesländern ansehen. Da erscheint die Äußerung doch nachvollziehbar. Und zur zweiten Äußerung: Bayern liegt vermutlich nicht ohne Grund in der PisaStudie so weit vorne. Die Kritiker sollten mal in sich gehen und dann die Äußerungen erneut kommentieren.

Nikolai Grommisch, Berlin-Spandau

Ich konnte gar nicht glauben, was ich heute für Ungeheuerlichkeiten in der Zeitung lesen musste. Zitat Stoiber: „Ich akzeptiere nicht, dass der Osten entscheidet, wer in Deutschland Kanzler wird. Die Frustrierten dürfen nicht über Deutschlands Zukunft bestimmen“ und „Wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern.“

Bisher war ich auch wohlgestimmt CDU zu wählen, aber nach den Aussagen von Herrn Stoiber und dem Herrn Schönbohm habe ich mir das gründlich abgeschminkt. Das Ganze wird durch die Dementis und Relativierungsversuche der CDU und CSU noch verstärkt.

Christian Frick, Berlin-Reinickendorf

Stoiber redet dummes Zeug. Offensichtlich hat er seine Wahlniederlage 2002 noch nicht verkraftet. Trotzdem ist das für mich kein Grund, nur wegen Stoiber Parteien oder Politiker zu wählen, die versagt haben. Schlimmer noch als Stoibers Gerede sind Politprojekte wie Hartz I bis IV, Nullwachstum und unerträgliche Arbeitslosenzahlen. Die Sachpolitik ist mir wichtiger. Deshalb hat die Union meine Unterstützung.

Hans Peter Rühl, Berlin-Kreuzberg

Bei allem Krakeele um die „empörenden“ Stoiber-Äußerungen darf nicht aus dem Blickfeld geraten, dass Deutschland am 18. September in der Tat vor einer Schicksalswahl steht! Durch das Erstarken der extremen Linken im Osten droht unserem ganzen Land ein ideologischer Linksrutsch mit all seinen verheerenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Vor diesem Schreckgespenst hat Stoiber zu Recht gewarnt. Auch wenn seine Äußerungen nicht der political correctness entsprechen – nach der man die Ostdeutschen nicht kritisieren darf, sondern sie gefälligst mit Samthandschuhen anfassen soll: als freiheitsliebender Mensch hätte ich es Stoiber eher verübelt, wenn er sich vor dieser Thematisierung gedrückt hätte!

Stefan Herre, Bergisch Gladbach

Auch ich möchte mich aus aktuellem Anlass zu oben benannten Politikern äußern. Gelebt habe ich in der DDR, mich auf die Wende gefreut, mich den interessanten, neuen Aufgaben gestellt und mich in parlamentarischer Demokratie geübt, halte diese auch für die z.Zt. beste Staatsform – also bei mir keine DDR-Nostalgie. Allerdings beginne ich jetzt an der Demokratie in Deutschland zu zweifeln. Ich möchte kritisch Gesagtes über Herrn Schönbohm nicht wiederholen, wundere mich allerdings über seine Entschuldigung. Mich hat er nicht beleidigt, nur sich selbst maßlos blamiert. Er tritt nicht zurück, trotz mehrheitlich gegenteiliger Meinung in Brandenburg. Herr Stoibers Auftritte als klügster Bayer sind kabarettreif – Lachnummern. Erstaunlich für mich, mit welchem Ernst, sicher in bester Absicht, Politiker dagegen argumentieren. Auch er müsste wegen seines Demokratieverständnisses zurücktreten. Kluge Politiker braucht das Land. Herr Schönbohm und Herr Stoiber gehören nicht dazu.

Vera Rode, Berlin-Prenzlauer Berg

„Der Gärtner der Böcke“ vom 12. August 2005

Erst macht Stoiber – wie 2002 – unhaltbare Wahlversprechen, indem er die Arbeitslosigkeit auf unter fünf Prozent senken will, jetzt spaltet er Deutschland, indem er seine südwestdeutschen Landsleute gegen die Ostdeutschen aufhetzt. Gleichzeitig bezichtigt sein Generalsekretär Söder in persönlich herabwürdigender Art den Bundeskanzler mehrfach der Lüge. Andere CDU-Promis wie Schönbohm haben ebenfalls die verbale Keule sachlichen Argumenten vorgezogen. Und die Kandidatin selber? Sie will den Bürgern die Bilanz von Rot-Grün verdeutlichen statt eigene Lösungsansätze und Visionen aufzuzeigen. Fernsehdiskussionen mit offenem Visier? Keine Zeit. „German Angst“ könnte auch in dieser unseligen Art eine Ursache haben. Klagen und Keilen statt Konzepte, das kann diese Partei seit Franz-Josef Strauß’ Auftritt in Sonthofen erfolgreicher statt regieren. Robert Birnbaum analysiert nur halb, wenn er sagt, dass diese Episode im Fall der bürgerlichen Machtübernahme vergessen sein wird. Er verschweigt dabei, dass diese Herrschaften dann Deutschlands Geschicke lenken werden; und zwar in der Weise wie sie Wahlkampf machen: rücksichtslos, unehrlich und ohne Konzept.

Manuel Jacob, Berlin-Reinickendorf

„Sich selbst entfremdet“ und „Schönbohm schürt böse Vorurteile“ vom 5. August 2005

Mit großem Interesse verfolge ich die Diskussion um die Schönbohm-Äußerungen. Als Tagesspiegel-Abonnent las ich auch die Beiträge dazu auf den Seiten 1 und 4, die mich zu einem Kommentar bewegten.

Der Artikel von Matthias Schlegel auf Seite 4 ist sachlich und erhält meine volle Zustimmung. Hier wurde nicht pauschalisiert, sondern fachlich korrekt recherchiert! Im Gegensatz dazu der pseudointellektuelle Beitrag von Tissy Bruns auf Seite 1, der zwar noch interessant anfängt, aber dann im Mittelteil total ausufert und wirr endet. Ich verwahre mich gegen die Behauptung von Frau Bruns, dass alle Ostdeutschen einen Schaden hätten! Weiß sie überhaupt, von was sie redet?

Ich bin 1961 im Havelland geboren und aufgewachsen und erlebte eine wunderschöne Kindheit und Jugend in einer intakten Familie. Der familiäre Zusammenhalt war für uns ein wichtiger Garant dafür, den Widrigkeiten des SED-Regimes zu trotzen. Das machte stark und selbstbewusst und förderte die soziale Komponente untereinander, die seit 1989 leider immer mehr verkümmert. Das ist wohl auch der Zeitraum, in dem die Kindermorde von Brieskow-Finkenheerd geschehen sind!

Uwe Ulrich, Berlin-Prenzlauer Berg

Nur Menschen mit sehr einseitiger Wahrnehmung stellen eine signifikant höhere Gewaltbereitschaft in den neuen Bundesländern fest. Die neoliberale Atomisierung der Gesellschaft seit der Wende, die von einfältigen Beobachtern oft mit hervorgehobener Individualisierung verwechselt wird, fordert ihre Opfer in Ost und West, und nicht nur in Europa.

Michael Teuber, Berlin-Prenzlauer Berg

Liebe Frau Bruns, danke für Ihren Artikel auf Seite eins! Auch die Frankfurter Allgemeine bezeichnet Schönbohms Analyse als „Treffer“. Ich dachte schon, dass ich wieder mal allein mit meiner Ansicht dastehe. Es ist Wahlkampf, daher das bigotte Geschrei vieler Politiker! Ich bin wieder einmal froh, die richtige Zeitung zu lesen.

Helmut Böhning, Berlin-Kladow

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