Leserbriefe : STREIKPOST

Blickwinkel

Die BVG und die Bahn wollen ab Montag zum ersten Mal zeitgleich streiken. Wir als Schüler sind davon direkt betroffen und wollen deshalb uns zu diesem Thema äußern. Dieser Streik legt das gesamte öffentliche Nahverkehrssystem in Berlin lahm. Somit können Millionen, die täglich die Verkehrsmittel der BVG nutzen und mit der S-Bahn fahren, nicht rechtzeitig bzw. gar nicht zur Arbeit oder, wie wir, zur Schule gelangen.

Es gibt zwar einen Notplan der BVG, doch dieser umfasst nur die allerwichtigsten U-Bahn- und Buslinien.

Ich denke, dass ziemlich viele der Menschen, sich eine Monatskarte gekauft haben, um ein bisschen Geld einzusparen. Doch was ist wenn sie die Hälfte des Monats die öffentlichen Verkehrsmittel gar nicht nutzen können? Niemand erstattet ihnen das Geld zurück, das sie für die Monatskarte zu viel bezahlt haben. Davon sind wir auch betroffen. Außerdem haben wir durch den S-Bahn- und BVG-Streik fast keine Möglichkeit, pünktlich zum Unterrichtsbeginn zu erscheinen.

Ein weiterer Punkt ist der der Umwelt. Viele mögen sich fragen, was das mit dem Streik zu tun hat, aber das möchten wir erläutern. Der Senat sagt, wir sollen mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, damit nicht jeder mit seinem Auto Abgase in die Luft gibt. Dadurch wird die Luft nicht so verpestet und das Klima wird, zumindest ein wenig, geschützt.

Auch wir können natürlich die Streiks teilweise nachvollziehen, doch wir finden, dass sich die Streikenden in die Lage der Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel hineinversetzen sollten, denn mit diesen Streiks macht sich keiner Freunde. Wir hoffen, dass sich die Gewerkschaften in Zukunft auch ohne Streiks mit den Vorgesetzten der Arbeitnehmer einigen können.

Adrian, Cornelia, Max und Julian aus der Klasse 8a des Gymnasium Steglitz

Keine Frage: Als Busfahrer in Berlin zu arbeiten, ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Bei Trams oder U-Bahnen ist es nicht viel besser. Gleichwohl wird die Arbeit verhältnismäßig ordentlich bezahlt. Besonders, wenn man es mit dem Bundesdurchschnitt der Branche vergleicht. Schmerzlich ist für die Beschäftigten, dass sie eine langjährige Arbeitsplatzgarantie mit einem Verzicht auf Lohnsteigerungen erkaufen mussten. Aber so ist das in der sozialen Marktwirtschaft: Man kann nicht die Torte und den Euro gleichzeitig haben.

Für die Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe soll dies aber nicht mehr gelten. Dafür wird nun gestreikt. Obwohl noch nicht einmal alle Verhandlungs- bzw. Schlichtungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Das Ziel der gewerkschaftlich organisierten BVGer ist klar: Krawall. Dabei wird durch den Streik nicht die BVG geschädigt, auch nicht der Senat. Damit aber ist klar: Die Millionen Berliner, die täglich die BVG nutzen, sind Ziel und Opfer dieses Streiks. Einige wenige tausend BVGer treffen damit vor allem jene, die mangels Alternativen auf öffentliche Verkehrsmittel besonders angewiesen sind. Besonders ärgerlich dabei ist, dass die Fahrgäste die Zeche doppelt zahlen werden. Kurzfristig wird ihnen – oft bereits mit Monats- und Zeitkarten bereits im Voraus bezahlte – Mobilität verweigert. Langfristig müssen sie steigende Löhne für die BVGer über höhere Fahrpreise zahlen.

Wenn nun Verdi erklärt, man müsse streiken, um die angeblich bei den Arbeitgebern vorhandenen Zweifel am Ergebnis der Urabstimmung und der Streikbereitschaft ihrer Mitglieder zu beseitigen, so ist dies unglaubwürdig bis lächerlich. Originalton eines BVG-Mitarbeiters: „Die Fahrgäste werden sich warm anziehen müssen!“. Zynischer kann man nicht zum Ausdruck bringen, gegen wen sich der Streik tatsächlich richtet.

Dr. Hans Ulrich Eßlinger,

Berlin-Hermsdorf

Wenn ich lese, wie schlecht es den Mitarbeitern der BVG geht, kommen mir die Tränen. Die länger Angestellten verdienen seit Jahren rund 40 Prozent mehr als ihre neuen Kollegen. Alle stehen trotzdem kurz vor dem Hungertod. Mehrforderungen zwölf bis 15 Prozent.Wer denkt denn eigentlich an die Rentner? Die haben nach dem Krieg aus dem zerstörten Deutschland das gemacht, was es heute ist. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan … Ihm müssen in den letzten Jahren drei Nullrunden und einmal 0,54 Prozent genügen. Dass für diese Rentnerinnen und Rentner die Preise in der gleichen Weise steigen, scheint niemanden zu interessieren.

Joachim Radtke, Berlin-Lichterfelde

10 Tage BVG-Streik. Ist das wirklich ein Grund, sich aufzuregen? Fragen Sie zum Beispiel mal die Makler. Eine gute Zeit, um Wohnungen entlang der U-Bahn- Gleise zu vermieten. „Dieses Domizil ist hell und ruhig. Unterschreiben Sie bitte hier.“ Nach dem Streik, wenn das Haus wieder im Vier-Minuten-Takt bebt und zittert, ist es dann zu spät. Aus der Not heraus werden sich unter den Nichtstreikenden Fahrgemeinschaften bilden. „Könnten Sie mich morgen mitnehmen in die Stadt?“ Eine Frage, die in vielen Regionen so zum letzten Mal in den Fünfzigern gestellt wurde, als längst noch nicht jeder einen Wagen hatte. Und weil der aus der Buchhaltung bei dem aus dem Marketing um die Ecke wohnt, teilt man sich plötzlich einen Weg. Auch eine Art, die interne Unternehmenskommunikation zu stärken – ohne teure Motivations-Seminare.

Und letztlich ist da ja noch das Fahrrad. Wer jemals in Amsterdam war, wird es der Stadt geneidet haben, mit welch jugendlichem Flair dort Schicke, Legere, Alte und Junge auf ihrem Rad genau das tun, was unsereins mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt. Zwar verlängert sich hier in Berlin der Bremsweg auch auf Radwegen, wenn diese pünktlich zum Streik zugefroren sind, aber ein bisschen Nervenkitzel pumpt Adrenalin in die Blutbahnen, was gar nicht schlecht ist. Ergo: es ist alles eine Frage der Betrachtung. Wie so oft im Leben.

Bettina Rust, Berlin-Schöneberg

Umwelt

Dass Verdi zu einem Zeitpunkt die BVG lahmlegt, zu dem sich etliche Autofahrer zaghaft zu einem Versuch ohne Auto durchgerungen haben (Umweltzone), stört Verdi ebenso wenig wie die Tatsache, dass nur Fahrgäste getroffen werden, die ohnmächtig zu anderen Alternativen die BVG nutzen und anschliessend die Preiserhöhungen der BVG ertragen müssen. Das BVG-Personal hat eine Arbeitsplatzgarantie bis 2020, incl. einer Gehaltsgarantie, der Service lässt nach, das Personal wird arroganter (Arbeitsplatzgarantie) und lässt Fahrgäste stehen, kein Anschluss klappt.

Kurz, dieser Streik ist überzogen und ungerechtfertigt. Er schadet nur den Fahrgästen und dem Betrieb BVG.

Günther Dierichen, Berlin-Tegel

Anderswo

Alle beteuern, in erster Linie die Gewerkschaft sowie die Streikenden, wie es Ihnen leid tut, die Bevölkerung in Schwierigkeiten zu bringen. Dies ist in Wirklichkeit pure Heuchelei! Wäre es nicht so, würde man Alternativen finden. Nehmen wir das Beispiel Italien: Die Streikenden der öffentlichen Verkehrsmittel sind den „Fasce orarie protette“ – geschützte Tageszeiten – gesetzlich verpflichtet. In der Regel wird von 7 bis 9 und von 12 bis 14 Uhr sowie in den Abendstunden nicht gestreikt. Dies bedeutet echte Rücksicht auf die Mitmenschen zu nehmen, bei gleichzeitigen Streikkampf. Quo vadis Germania?

Roberto Ratto, Berlin-Zehlendorf

BVG- und Bahnstreik treffen genau die, die nicht getroffen werden sollten: jene, die umweltfreundlich auf die individualisierte Autofahrerei verzichten, sowie jene, die sich kein Auto leisten können, keinen Führerschein besitzen, aus Alters- und sonstigen Gründen gar nicht Auto fahren können. Das Signal ist also: Wer aufs Auto verzichtet oder sich keines leisten kann, riskiert, plötzlich im wahrsten Sinn des Wortes hilflos dazustehen, wochenlang Probleme mit dem Arbeitsweg und der privaten Planung zu haben. Auch die Diskussion um Klimawandel, Verringerung der Luftschadstoffe bleibt so leeres Gerede. Wenn man wirklich mehr Menschen dazu bringen will, auf die individualisierte motorisierte Unabhängigkeit zu verzichten, dann muss endlich eine Grundversorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gewährleistet werden – als Bereich, der nicht durch Streiks jederzeit lahmgelegt werden kann, ähnlich wie wir es bei Feuerwehr, Polizei nicht zulassen. In Japan etwa argumentiert man so: Da Millionen Menschen auf das Transportsystem angewiesen sind, darf dieser Bereich nicht bestreikt werden. Das, wohlgemerkt, obwohl das Transportwesen in Privathand ist.

Verena Walter, Berlin-Schöneberg

Erstaunen

Ich bin erstaunt, dass die Mehrheit der Bevölkerung Verständnis für die Streikenden aufbringt. Schließlich geht es um unser aller Steuer- und Fahrgeld, das da in Löhne umgewandelt werden soll, und nicht um das Geld irgendwelcher sogenannter reicher „Bonzen“. Erhöhte Löhne bedeuten höhere Fahrpreise und höhere Steuern. An der Mehrzahl der Berliner Bevölkerung ist der Aufschwung bisher unbemerkt vorübergegangen. Zugunsten weniger (nämlich der BVG-Mitarbeiter) die nicht vermögende Mehrheit zu belasten, ist das Gegenteil von Solidarität.

In der Streikberichterstattung werden angeblich notleidende BVG-Mitarbeiter zitiert, die zusätzlich zur normalen Schicht abends putzen gehen müssen, um der Tochter den Luxus eines privaten Kindergartens zu bezahlen. Was spricht gegen eine öffentliche Kita? Ich sehe nicht ein, weshalb ich jemandem einen Luxus bezahlen soll, den ich mir nicht einmal selbst leisten kann. Und jeder, der meint, in der Privatwirtschaft das Doppelte zu verdienen, soll doch in die Privatwirtschaft gehen. Viel Spaß dabei.

Jenny Wieland, Berlin-Moabit

Verhältnismäßigkeit

Ich habe keinerlei Verständnis für diesen Streik. Mein Vater musste 20 Jahre in der Polstermöbelindustrie nur Lohnkürzungen hinnehmen und wir haben trotzdem überlebt. Mir tun die Menschen leid, die auf die BVG angewiesen sind. Kümmert es die Verdi-Mitglieder, dass eine alte und gebrechliche Frau jetzt für neun Tage vielleicht nicht einkaufen gehen kann, da sie keine weiten Strecken zu Fuß zurücklegen kann? NEIN!

S., Berlin-Konradshöhe

Dieser Streik trifft nicht die BVG-Bosse sondern die Kunden. Mit solchen Aktionen werden die Kunden nur gereizt. Die steigen dann doch lieber auf das Fahrrad um als in die U-Bahn oder andere Verkehrsmittel. Ebenso sollten die Streikenden sich mal überlegen, dass die Kunden Ihnen das Geld bringen, damit meine ich, das Gehalt zahlen. Ich bin der Meinung, dass es an der Zeit ist, das sich die Regierung einmischt, so kann es jedenfalls nicht weitergehen.

Eileen Schwalbe, Berlin-Weißensee

Der Presse habe ich entnommen, dass ca. 8000 Verdi-Angehörige für den Streik gestimmt haben. Im Gegenzug sind Hunderttausende Menschen von dem Streik betroffen. Das bedeutet also, dass jeder, der dem Streik zugestimmt hat, es aus eigennützigen Motiven (mehr Geld!) in Kauf nimmt, dass Tausende Menschen seinetwegen überlegen müssen, wie sie von A nach B kommen. Die Zeit, die volkswirtschaftlich gesehen für die Umwege und Informationsbeschaffung draufgeht, möchte ich gar nicht zusammenrechnen.

Hinzu kommt, dass derzeit die ITB mit sehr vielen ausländischen Gästen stattfindet, die nun vor einem Chaos stehen. Ich werfe den Verantwortlichen bei BVG und Verdi vor, eine provinziale Brille oder Scheuklappen zu tragen und sich ohne Rücksicht auf andere zu profilieren. Dieser Streik ist unverhältnismäßig!

Jochen Burckhardt, Berlin-Schöneberg

Streik ist sicherlich eine gute Sache. In einer Demokratie ein unverzichtbares Mittel aber das was Verdi jetzt macht, finde ich völlig falsch. Sicherlich gibt es Gruppen (z. B. Krankenschwestern) die auch für ihre Arbeit mehr Lohn verlangen könnten aber das die BVG streikt finde ich absolut abwegig. Nicht nur das die Verkehrsbetriebe völlig verschuldet sind und die Mitarbeiter zum Teil eine Arbeitsplatzgarantie bis 2020 haben. Nein, jetzt wird nach mindestens 200 Euro oder acht bis zwölf Prozent mehr Lohn verlangt. Sehr vernünftig! Absolut solidarisch! Denn wenn Verdi das durchsetzen sollte werden die Fahrpreise angepasst und wen trifft es dann? Tatsächlich die wirklich gering Verdienenden, die Rentner mit Grundsicherung , die Studenten, die Harz-IV-Empfänger. Das hat nichts mehr mit Solidarität zu tun.

Fakt ist, dass das nicht der Weg sein kann. Ich bin kein Experte, aber unserer Wirtschaft und der Verschuldung wird damit wohl kein Dienst erwiesen.

Sabine Pawlowa, Berlin-Haselhorst

Der BVG-Streik ist ein Skandal! Hier werden Millionen Menschen von Verdi in Geiselhaft genommen. Denn die Menschen, die kein Auto haben (und sich kein Taxi leisten können) sind nicht mehr in der Lage ihren Arbeitsplatz, die Schule, Universität, den Einkauf oder Arzttermin zu erreichen. Die Tarifpartner sollten gezwungen werden, so lange am Tisch zu verhandeln, bis sie zu einem Ergebnis gekommen sind. Die Politik ist gefordert, schnell zu handeln. Mit diesem Unsinn muss Schluss sein!

Alexander Sachs, Berlin-Wilmersdorf

Hilfsbereitschaft

An einer Haltestelle fand ich folgenden Zettel: Liebe Menschen, Am Mi., Do., Fr. fahre ich um 6.45 nach Schöneberg über die Autobahn. (Dann kommt eine ausführliche Streckenbeschreibung) Treffpunkt Berliner Straße 75 Hoftor. Ich würde gerne behilflich sein. Herzlichen Gruß Name, Telefonnummer. Fand ich nett!

Irmgard Peters, Berlin-Frohnau

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