Leserbriefe : Träum weiter

„Kreuzweise deutsch / Dein Land braucht dich“ von Angela Elis vom 4. Juni

So viel Brett vor dem Kopf und so viel nostalgische Scheuklappen bei Betrachtung des Bitterfelder Wegs, wie das Angela Elis offenbart, sind fast schon gemeingefährlich. Die Autoren des Bitterfelder Wegs durften vor allem eins nicht schreiben, dass die Kontaminierung der Bitterfelder Landschaft nicht nur mit dem Industrieaufbau auf Teufel komm raus, ohne Rücksicht auf die Verwüstung und Vergiftung der Umwelt, die zum Himmel stank, die Fische in den Flüssen sterben ließ und die Menschen in schwere Krankheiten stürzte, einherging.

Monika Maron wusste ein Lied davon zu singen. Ihr Roman „Flugasche“ war ein Warnschrei, der im Osten nicht erscheinen durfte. Vielleicht sollte Angela Elis auch in Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ nachlesen, was da für höllische, giftige Arbeitsbedingungen herrschten. Erst nach der Wiedervereinigung konnte sich die Landschaft mühsam wieder erholen und zum Leben zurückrappeln. Und erst danach durfte man darüber schreiben.

Ob diese Verwüstungen durch die lammfrommen, meist wenig begabten literarischen Schönfärbereien der Bitterfelder-Weg-Autoren zu rechtfertigen sind? Mir scheint das jedenfalls die fragwürdigste Literaturerrungenschaft der DDR. „We have a dream“, zitiert Elis in diesem Zusammenhang. „Träum weiter!“, möchte man ihr bitter(-feldig) zurufen.

Hellmuth Karasek, Hamburg

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