Leserbriefe : Trau keinem über 60

„1968 - Sebstbetrug einer Generation“ von Jörg Schönbohm vom 9. März

Schön, wenn Herr Schönbohm Dampf ablässt oder sollte man besser sagen unterhaltsam ? Vielleicht so unterhaltsam wie Götz Alys Buch, „Unser Kampf", indem die 68er auch als einheitliche Bewegung beschrieben werden, was sie ja gerade nicht waren. Wenn aber Herr Schönbohm den ausgeleierten Spruch „Trau keinem über 30" zitiert, sei daran erinnert, dass dieser Spruch Mitte der 60er Jahre entstand und eben nur in dieser Zeit seine Gültigkeit hatte. Im damaligen kritischen, aber auch jugendlichen Größenwahn, wurde jeder, der Kind in der Nazizeit war, unter „Generalverdacht" gestellt. Nur gehört diese Haltung zu den geringsten Jugendsünden.

Michael Mohr, Köln

Herr Schönbohm übergeht in seiner Rede jegliche postmoderne Entwicklung und Auswirkung des Kapitalismus zugunsten seiner Polemik gegen die 68er. Ein Motto wie „Anything goes", das einem globalen US-Merkantilismus geschuldet ist, den 68ern derart unkritisch an die Seite zu stellen, zeugt nur von Ignoranz und einem Mangel an Differenzierungsvermögen. Mit „Anything goes" meinte diese Generation in erster Linie den dringenden Versuch, sich von den Altlasten des Nationalsozialismus, die wir bis heute kaum bewältigt haben, freizumachen. Dieser Versuch musste aufgrund der ihm eigenen Radikalität scheitern. Er ist insofern verständlich, wenngleich nicht nachvollziehbar oder wünschenswert.

Michael Bolz, Berlin-Moabit

Jetzt weiß ich, wofür man den 68ern wirklich dankbar sein muss: dass sie dazu beigetragen haben, dass bornierte Kommissköppe wie Jörg Schönbohm in Deutschland nicht mehr allein die Geschicke lenken, sondern hoffentlich bald endgültig ausgemustert sind.

Thorsten Sandner, Berlin-Schöneberg

Um es vorweg zu sagen: Ich bin Partei, denn ich gehörte zu dieser Bewegung. Aber heute, vier Jahrzehnte danach, sollte es möglich sein, deren Verdienste und auch deren Irrwege einigermaßen unvoreingenommen zu erörtern. Davon ist der Artikel allerdings weit entfernt, denn sein Verfasser lässt „kein gutes Haar“ an der damaligen Studentenbewegung.Der Artikel zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Unfähigkeit zum differenzierten Denken und Urteilen aus. Die Studentenbewegung, in der sich sehr unterschiedliche Positionen zusammenfanden, ist für Schönbohm ein einheitliches Gebilde, innerhalb dessen es keine Richtungskämpfe und Personen mit unterschiedlichen Konzeptionen gab. In dem Artikel wird nicht ein einziges Mal eine konkrete Person oder Organisation genannt, die an dieser Bewegung beteiligt war. Stattdessen belegt Schönbohm die damalige Bewegung pauschal mit inhaltlich unpräzisen, aber hochgradig wertgeladenen Ausdrücken wie: „Protestler“, „Jungrevolutionäre“,„selbst ernannte Gesellschaftsveränderer“, „Achtundsechziger-Ideologen“, „Weltverbesserer“, „weinselige Toskana-Fraktionäre“ oder „Nachwuchs-Revoluzzer“. Der Artikel zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass er seine durchgängigen Verallgemeinerungen nicht anhand von realen Beispielen konkretisiert, sondern stattdessen höchstens durch mehr oder oft auch weniger passende Graffiti-Sprüche belegt. Was soll man zu einer pauschalen Abqualifizierung sagen wie: „Ihnen ging es nicht um die Veränderung aus Vernunft, sondern um die Veränderung aus Prinzip“, wenn dieser Rundumschlag nicht näher begründet wird? Mit dieser Abwehr von Schönbohms unqualifizierter Kritik an der Studentenbewegung sollen nicht die Verbrechen der Überzeugungstäter in der RAF und nicht die Träume der Maoisten und Leninisten von der Parteidiktatur entschuldigt werden. Auch wenn Jörg Schönbohm davon noch nichts mitbekommen hat: Die Aufarbeitung der Irrwege und Fehlentwicklungen der 68er-Bewegung findet statt.

Dr. Eberhard Wesche, Berlin-Lübars

Wann endlich schönbohmt es nicht mehr, wann hat es sich endlich ausgekocht? Die CDU trägt mehr Schuld als die 68er. Jörg Schönbohm wirft im Tagesspiegel den 68ern die Verbreitung geistig-moralischer Ödnis vor. Wo war bei Dr. Helmut Kohl der Geist und wo die Moral, als er Anfang der 80er Jahre gedröhnt hat, dass die Zahl der Ausländer halbiert werden müsse? Der konservativistische Populismus von Roland Koch hat Deutschland mehr geschadet als zu tolerante Multikultis. Schönbohm sieht die Fiktion von George Orwell durch die 68er bestätigt, weil sie als Tugendwächter die deutsche Sprache kontrollieren wollen. Dass ich nicht lache! Schäuble erinnert viel mehr an den Roman 1984. Immer wieder verhindern deutsche Verfassungsgerichte übersteigerte Überwachungsambitionen der CDU. Für Schönbohm ist die Kritik am damaligen Konservatismus der Eliten ein Irrtum. Er beklagt den Verfall von Familie und Werten durch die 68er. Er verschweigt die unbelehrbaren Nazis in der Politik, in den Universitäten und in den Schulen dazumal. Jugendliche haben Deutschland einen großen Dienst erwiesen, weil sie sich autoritären Subjekten widersetzt haben, die zu viel Disziplin und vorbehaltlosen Gehorsam forderten, zu wenig mit Zuneigung förderten, zu viel bestraften und keine Einsicht an ihre Schuld an den Nazigreueln hatten. Er übersieht, dass das scheinbare Familienidyll der 50er und 60er Jahre von der Entrechtung der Frauen lebte und Schwulsein strafbar war. Er bleibt den Beweis seiner Behauptung schuldig, dass Geschiedene und Alleinerziehende häufiger auf Gewinn und Lust fixiert sind, weniger treu, verlässlich und verbindlich sind. Er behauptet es einfach nur. Und das ist diskriminierender Populismus und unchristlich.

Wolf Niese, Berlin-Lankwitz

Innigen Dank für diese göttliche Satire über die 68er!!! Ich wusste gar nicht, dass Schönbohm so witzig sein kann! Wie er das schafft, den 68ern wirklich alle gesellschaftlichen Miseren in die Schuhe zu schieben, ist eine humoristische Glanzleistung!

Gabriele Frydrych,

Berlin-Charlottenburg

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