Leserbriefe : Trotz aller Tränen – das Geschäft steht weiter im Vordergrund

Zur Berichterstattung über den Selbstmord von Robert Enke

Ich bin erschüttert, wenn ich sehe und höre, wie viele Menschen ihre Trauer in der Öffentlichkeit bekunden. Täglich geschehen viele Selbstmorde, wobei oft auch andere Menschen direkt mit hineingezogen werden. Wo aber sind da all die Menschen, die Mitleid oder Trauer bezeugen? Und im Fernsehen oder in den Zeitungen wird darüber nur kurz berichtet. Nun aber im Fall Robert Enke diese endlosen Beiträge. All dies scheint mir nur Heuchelei.

Und nun wollen die Sportvereine ihren Spielern mehr psychologische Unterstützung anbieten? Wer bietet dies eigentlich in anderen Berufen an? Oder haben nur Sportler Stress im Beruf?

Dagmar von Kleist, Falkensee

Die Geistesarmut und ungestillte Sehnsucht nach einem erfüllten Sein vieler Menschen in diesem Land ist so groß, dass es wohl der „medialen Seligsprechung“ eines Torwarts bedurfte, um dieses Vakuum in vieltausendfacher Gemeinsamkeit zu füllen.

Das Bedenkliche an dieser Apotheose war jedoch nicht ihr sakraler Charakter, sondern die Offenlegung einer Vergötterung für die Helden des runden Leders, die bestürzt. Sie bestürzt deshalb, weil die Anbetung der mit- und gegeneinander spielenden Jungmillionäre – nicht nur in Deutschland – schon längst libidinöse Züge trägt und aus der einst ursprünglichen Freude am sportlichen Spiel Arenen börsennotierter Profit-Kämpfe mit schwindelerregenden Gewinnen geworden sind.

Hinter allen Tränen, die am 15. November vergossen wurden, wartet das knallharte Ball-Geschäft. Das wissen die Spieler, das wissen die Manager. Wissen es auch die gläubigen Anhänger?

Der „Staatsakt“ für den so tragisch aus dem Leben geschiedenen Menschen Robert Enke trug deshalb einen bittersüßen Beigeschmack.

Conrad Maria Mullenarque,

Berlin-Charlottenburg

Der Tod von Robert Enke hat nicht nur die Fußballfans, sondern auch viele Menschen im lande betroffen gemacht. Aber bedenken sollte man dabei, dass viele Menschen unter dieser teuflischen, weil unsichtbaren Krankheit leiden, sich nicht äußern oder äußern können, weil psychische Erkrankungen immer noch als Makel angesehen werden, und das kann die Situation noch verschlimmern.

Vergessen werden darf aber keinesfalls, dass davon auch u. a. Piloten, Chirurgen, Politiker betroffen sind und Alkohol und Tabletten oft das einzige Hilfsmittel sind, um wenigstens halbwegs zu funktionieren. Vielleicht hilft der Tod von Robert Enke, das Tabuthema aufzubrechen.

Frank Hoffmann, Berlin-Dahlem

Fairness und Respekt, steht jetzt überall geschrieben , waren für Robert Enke Lebensinhalt. Er war einer der Guten. Nicht nur im Tor, sondern in seinem Umgang mit den Menschen, mit seinen Freunden, mit den Mitspielern. Wo sind die anderen Guten? Sind sie jeden Samstag/Sonntag zu Tausenden in den Bundesliga-Arenen? Sind es die, die bei der Vorstellung der Gastmannschaft regelmäßig ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert anstimmen? Ja, wo sind sie? Sind sie untergetaucht in der Anonymität der Menge? Oder zum Eishockey, zum Basketball gewechselt? Sitzen sie neben den Zuschauern, die die Eiscracks lautstark als Hurensöhne, Schweine und Weicheier bezeichnen, die hinter den Körben beim Basketball blitzschnell überdimensionale Hände hervorholen, um den Strafkorb-Werfer zu irritieren? Fairness und Respekt. Dass ich nicht lache!

Hermann Schläger, Köln

Es ist sehr tragisch und traurig, wenn ein Vater seine Tochter verliert. Und eine depressive Erkrankung ist etwas sehr, sehr Unangenehmes. Es ist aber in der Regel keine aussichtslose Erkrankung. Auf diesem Hintergrund seien folgende Fragen erlaubt.

Ist es legitim, entschuldigt durch ein schweres Schicksal, einen unbeteiligten Lokführer ohne sein Einverständnis dazu zu missbrauchen, einen Selbstmörder zu erschlagen? Ist das wirklich die einzige Möglichkeit? Gibt es keine anderen Methoden? Wäre es nicht Ehrensache für den Selbstmörder, auch noch in seinem Willen, diese Welt zu verlassen, das Leben, die Seele und die Würde Unbeteiligter zu achten?

Hat die Ehefrau nichts Wichtigeres zu tun, als sich gute zwölf Stunden nach dem Suizid zur Gallionsfigur eines total überdrehten Medienspektakels zu machen? Was ist von einer Mediengesellschaft zu halten, die solche Art suizidaler Gewalttätigkeit ignoriert und stattdessen pompös inszeniert? Der Selbstmörder als Held? Wäre es nicht angebracht, wenn sich die Familie Enke bei dem Lokführer für das ihm angetane Unrecht entschuldigt und eine geeignete Wiedergutmachung anbietet? Ich bin bei all dem voller Zorn.

Peter Eberbach, Rostock

Jeder Mensch hat das Recht seinem Leben ein Ende zu setzen, das schließt aber nicht das Recht ein Unbeteiligte als Werkzeug für den eigenen Freitod zu missbrauchen, so wie Robert Enke es mit den Lokführern getan hat.

Der medienwirksame Betroffenheits-Hype um einen Fußballspieler ist - vorsichtig ausgedrückt - heuchlerisch, wenn nicht gleichzeitig auch darauf eingegangen wird, dass die Tat von Robert Enke bei den beiden Lokführern erhebliche psychische Leiden, vielleicht sogar lebenslang, verursachen wird.

Nicolai von Hübbenet,

Berlin-Nikolassee

„Der Tod als Event“ von Harald Martenstein vom 15. November

Ich lese die Glossen von Harald Martenstein sonst gern,diese überschreitet jedoch die Grenzen der Ironie und gleitet ab ins Zynische. Die Trauerfeier für Robert Enke mit den Events von Michael Jackson zu vergleichen, setzt der Geschmacklosigkeit von Martenstein die Krone auf. Frau Enke hat das Recht auf eine Trauerfeier nach ihrem Willen. Und dieser Ehefrau den Drang nach Event zu unterstellen, lässt an der journalistischen Fähigkeit von Martenstein zweifeln.

Werner Deppe, Hannover

Obwohl mich der Tod von Robert Enke sehr berührt hat, hat mir der Artikel von Harald Martenstein sehr aus der Seele gesprochen. Die Sensations-„Lust“ der Medien habe ich als sehr negativ empfunden. Der unglückliche Mensch Robert Enke wäre sicher nicht einverstanden gewesen, wie sehr sein Leben, sein Schicksal, sein Unglück und sein Ende an die Öffentlichkeit gezerrt wurden. Martenstein hat das ausgesprochen treffend gesagt.

Dorothea Diekelmann, Köln

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