Leserbriefe : Tun wir genug für den Klimaschutz?

Zur Berichterstattung über den Klimawandel und steigende Energiepreise

Das Ziel ist eigentlich, sich mittelfristig von Energiequellen wie Öl und Gas (die ja bekanntlich endlich sind) zu trennen, zugleich die CO2-Emissionen zu senken und so zu einer nachhaltigen, CO2-neutralen Entwicklung zu kommen. Um diese Ziele zu erreichen, sei zunächst an das Energiesparen erinnert: Initiativen wie „No-E“ geißeln den Stand-by-Verbrauch von brauner und weißer Ware, so mancher mit einem neuen Plasma-Fernseher wird sich am Jahresende über seine Stromrechnung „freuen“! Man kann also zunächst einmal sparen.Viel CO2 wird auch durch die Heizung und Kühlung von Gebäuden emittiert. Eigentlich unverständlich, dass man mit Öl und Gas heizt und mit Strom kühlt. Dabei liefert uns doch die Sonne selbst in unseren Breitengraden genug Energie, damit im Winter niemand frieren und im Sommer niemand schwitzen muss. Im Gegensatz zu Strom ist Wärme/Kälte relativ gut speicherbar.

Was zu tun ist, ist seit langem bekannt, dafür müssen wir nicht auf nobelpreisverdächtige Neuentdeckungen warten: Nur noch Gebäude (Wohn- und Zweckbauten) mit Passivhaus-Standard genehmigen, die Bestandsimmobilien schnellstmöglich auf diesen Standard bringen, das Energiesparpotenzial bei elektrischen Antrieben ausschöpfen, auf solare Heizung und Kühlung sowie Wärmepumpen umsteigen und so weiter.

Die Herausforderung ist, die Politik und die Öffentlichkeit von dieser Zukunftsvision zu begeistern. In der breiten Öffentlichkeit findet die sachliche Diskussion um Chancen und Nutzen nicht statt. Es werden immer nur die Schreckensszenarien des Klimawandels dargestellt (und „Stars“ wie Knut oder Flocke bewundert/bemitleidet). Solange allenfalls über „Stromwechsel-Partys zum Öko-Strom“ diskutiert wird, nicht aber gleichzeitig das Energiesparen thematisiert wird, braucht man sich über eine neue Windkraftanlage nach der anderen, mit allen verbundenen Problemen, nicht zu wundern.

Michael Rudolf, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Rudolf,

Ihren Ansatz finde ich vollkommen richtig. Ich wundere mich immer wieder, wie wenig das Thema Energieeinsparung und Energieeffizienz insbesondere auch in großen Unternehmen eine Rolle spielt.

Wir brauchen einen grundsätzlich neuen Umgang mit Energie, aber auch mit anderen Rohstoffen. Es kann ja gar nicht funktionieren, dass wir immer mehr Energierohstoffe aus dem Boden holen, die sich dort über Jahrmillionen gebildet haben, und die Reste davon dann irgendwie in die Atmosphäre entlassen. Und das mit immer mehr Menschen auf der Erde – zu Christi Geburt rund 300 Millionen, heute 6,5 Milliarden und 2050 wahrscheinlich über 9 Milliarden. Diese Menschen wollen und sollen alle eine warme oder auch kühle Wohnung haben, mobil sein, einen guten Arbeitsplatz haben. Die fossilen Energien werden also nicht ausreichen. Der Zugang zur Energie ist bereits heute weltweit eine soziale Frage; es gibt nämlich wenige, die sehr viel Energie verbrauchen können, und viele, die das nicht können. Auch in Deutschland wird Öl teuer und für die meisten Menschen unerschwinglich werden. Schon heute sitzen Menschen im Winter in kalten Wohnungen oder können sich Mobilität nicht leisten. Das kann die Gesellschaft und die Politik, das kann insbesondere Sozialdemokraten nicht kaltlassen. Beim Thema Energie wird sich zeigen, dass ökonomischer Wohlstand, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Sicherheit nur zusammen gehen.Viele Ideen sind schon da. Wir können anders Auto fahren; wir können öffentliche Verkehrsmittel attraktiver machen; wir können andere Häuser bauen und bestehende umbauen; wir können viel mehr erneuerbare Energien einsetzen. Das wird notwendig sein, damit wir in den nächsten Jahrzehnten komplett unabhängig von fossilen und atomaren Energieträgern werden können. Dagegen steht eine Gesellschaft und vor allem eine Wirtschaft, die sich in einer Art und Weise eingerichtet hat, in der die Frage der Endlichkeit von herkömmlicher Energie und der Endlichkeit der Aufnahmefähigkeit von Abfallprodukten so gut wie keine Rolle gespielt hat. Es ist deshalb ein radikaler Umbau notwendig. Dabei muss die Politik den Menschen zeigen, dass man davor keine Angst haben muss. Dass am Ende ein besseres Leben steht, mit mehr Arbeitsplätzen, mit besserer Bezahlbarkeit von Energiedienstleistungen. Und es muss Umbauprogramme und Abfederungen für die Menschen geben, die besonders negativ betroffen sind.

Dabei wird es auch notwendig sein, sich mit denen anzulegen, die ihren Profit mit dem bisherigen System machen und die in ihrem Denken so funktionieren, dass sie auf den kurzfristigen Börsenkurs gucken, aber langfristige gesellschaftliche Kosten schlichtweg ausblenden. Es geht also nicht ohne Kontroversen. Hier kann die Politik Vertrauen zurückgewinnen. Ist die Frage der Endlichkeit von herkömmlicher Energie und sind die Auswirkungen der Nutzung herkömmlicher Energie in Form des Klimawandels zentrale, wenn nicht die zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts? Wenn ja, dann muss die Politik – als einzige von den Menschen demokratisch legitimierte Institution – handeln. Dann muss Politik klare gesetzliche Vorgaben machen, dann kann es kein „Laisser-faire“, keine freiwilligen Selbstverpflichtungen der Industrie geben, dann muss das Primat der Politik durchgesetzt werden. Anfänge dazu sind in Deutschland und in Europa mit klaren Kohlendioxidreduktionszielen von 40 bzw. 20 Prozent gemacht. Bei den notwendigen Maßnahmen, ob bei Gesetzen zu Kraftfahrzeugen, zu Energieeinsparungen in Gebäuden oder beim Emissionshandel, muss jetzt entsprechend konsequent gehandelt werden. Damit die Menschen in Zukunft gut leben können – alle.

Mit freundlichen Grüßen

— Frank Schwabe, klimapolitischer Sprecher

der SPD-Bundestagsfraktion

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