Leserbriefe : Über die Schulter geblickt

„Die Legende vom guten Nazi“ vom 1. April

Über den kauzigen Helden und Chinesen-Retter von 1937, John Rabe, habe ich schon vor dreizehn Jahren im „Spiegel“ sowie vor einigen Wochen auf der Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ ausführlich geschrieben. Und bei der Arbeit an dem gleichnamigen Film konnte ich dem Regisseur Florian Gallenberger ein wenig über die Schulter blicken.

Es hat es mich fast aus dem Drehsessel geschleudert, als ich im Tagesspiegel lesen mußte, was in diesem angeblichen „nationalen Weihespiel“ alles passiere. Es finde, so schreibt Jan Schulz-Ojala, eine „Rehabilitation“ des Hakenkreuzes statt. Der von Ulrich Tukur dargestellte Protagonist sei ein deutscher „Herrenmensch“, und die „Zielgruppe“ des Films könnten deutsche „Neonazis“ sein. In seiner abwertenden Darstellung aller Nicht-Deutschen zeuge „John Rabe“ von „untadelig völkischer Gesinnung“. Der deutsche Diplomat jüdischer Herkunft, Dr. Rosen (Daniel Brühl), werde mit „schwarzem Klebehaar und Menjou-Bärtchen angemessen verweichlicht“ gezeigt. So gesehen ist es kein Wunder, dass Ihr Kritiker besorgt fragt, ob es sich hier etwa um einen „postumen NS-Propagandafilm“ handeln könnte …

Solche hanebüchenen Unterstellungen werden in der Rezension natürlich nicht durchgehalten, sondern durch mildere Schmähungen variiert und abgeschwächt. Aber das Ziel ist da schon erreicht: etwas dürfte ja hängen bleiben von dem Kritiker-Vorwurf, dass Dumpf & Schlimm dank „John Rabe“ jetzt unbeschwert ins Kino gehen könnten.

Alle dies zeugt von Schrumpf-Horizont und deutscher Nabelschau. Bei „John Rabe“ handelt es sich um eine internationale Koproduktion, der Film läuft demnächst groß in China an: undenkbar, dass darin die Chinesen tatsächlich rassistisch herabgewürdigt würden. Der Vorwurf ist genau so unhaltbar wie alle anderen – reinster Mumpitz, mir unbegreiflich. Was mag diesen weltfremden Kritiker motiviert haben?

Carlos Widmann, Paris

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