Leserbriefe : Unchristliche Kritik

„Die Kunst, ein Antichrist zu sein“ von Harald Martenstein vom 23. September und „Hände hoch! Wortpolizei!“ von Alexander Gauland vom 24. September

Ich gehöre nicht zum Freundeskreis von Kardinal Meisner und sehe das Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom, anders als er, in seiner Verbindung von Farbsymphonie mit genauer Rahmenform als bewegende Möglichkeit einer Erfahrung der Wirklichkeit von Transzendenz, doch das, was von Harald Martenstein geschrieben wurde, kann um seiner sachlichen Unzulänglichkeit und seiner menschenunwürdigen diffamierenden Form der Kritik willen nicht unwidersprochen bleiben. Wenn Martenstein behauptet, der Kardinal habe „nur die Gestaltung religiöser Kunst (als) zulässig“ erklärt, so entspricht das nicht den Tatsachen. Über die Aussage des Kardinals, Kunst ohne Gottesbezug verliert sich in Beliebigkeit, kann man streiten, aber aus ihr herzuleiten, den Kölner Kardinal hielte ja „sowieso jeder für verrückt“, ist menschenunwürdig. Und zur Sache: Da lohnte der Bezug auf die Aussage des international anerkannten George Steiner in seinem Werk „Von realer Gegenwart“, dass die Begegnung mit dem Absoluten für die Kunst unaufgebbar ist. Das hat Nachdenklichkeit, nicht Empörung ausgelöst! Und nun der Höhepunkt: Aus dem Kardinal wird der Antichrist gemacht, und Gott wird in einer christlichen Glauben verletzenden Weise zu einer kläglichen Figur. Der Antichrist ist der Gegner und Leugner Christi, der in der letzten Stunde der Welt erscheint und die Inkarnation des Bösen ist. Darf man derart mit einem Menschen, den man kritisieren will, umgehen? Und wenn Martenstein dann dem Kardinal empfiehlt, zum Islam zu konvertieren, „wenn er religiöse Menschenbehandlung und Kunstschulungen durchführen oder den Mädels die Frauenarbeit verbieten will“, sind dem Kardinal nie geäußerte Unsäglichkeiten unterschoben und ist auch der Islam diffamierend dargestellt. Das gilt auch für einen Gott, der die „freie Marktwirtschaft verordnet…, die Sexuelle inspiriert..“ Wenn Martenstein „Wiedererstarken des christlichen Lagers“ nennt und zugleich ein „nie wieder“ über Kirche als „Richter über Kunst“ und als „staatliche Beauftragte für die Betreuung des Alltags“ setzt, sieht er offenbar nur regelnde Kraft und Lagerideologie und übersieht die Suche vieler Menschen nach Sinn und die christliche – übrigens auch jüdische und moslimische – Überzeugung, dass Glaube im Alltag zu leben ist.

Alexander Gauland hat in seinem Artikel festgestellt: „Die Debatte um Meisner ist selbst längst entartet.“ Wahrhaftig! Wenn Martenstein auch zum „entartet“ zutreffend bemerkt, dass Wörter stets im Zusammenhang zu verstehen sind, so ist doch die Art, wie er Dolf Sternberger („dass der Ärmste ursprünglich Adolf hieß“) und das „Wörterbuch des Unmenschen“ erwähnt, von herablassender Kränkung. Dies Wörterbuch wies die Sinnentleerung von Wörtern und ihre Verwendung als ideologische Waffe in der Diktatur nach und rief zu sprachlicher Verantwortung auf. In der lebendigen Auseinandersetzung ist längst klar, dass es nicht um ein dauerhaftes „Wörterverbot“ geht. Der Artikel von Gauland belegt dies aufs Beste.

Dr. Dr. h.c. Hanna-Renate Laurien,

Berlin-Lankwitz

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