Leserbriefe : Unsere Sprache hat ein Recht auf Evolution

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„Zehn Jahre Babel“ vom 2. März 2006

und „Es sollte jetzt gut sein“

vom 27. Februar 2006

Wenn ich noch einmal in den Nachrichten lesen oder hören muss, dass die Reform der Reform der Rechtschreibreform, die von irgendeinem Rat geplant, dann von Verlagen, Bürgerbewegungen und Bundesländern boykottiert und verworfen wurde, nun ein weiteres Mal diskutiert wird, sei es von einer weiteren willkürliche Kommission oder gar einer Kultusministerkonferenz, dann schwöre ich, ich werde Amok laufen, egal ob man es nun groß und getrennt oder klein und zusammen schreibt! Ich habe mich nun lange Jahre auf beiden Ohren taub, beiden Augen blind und beiden Großhirnhälften dumm gestellt, aber die Würdelosigkeit dieses lächerlichen Unterfangens dringt mir sogar durch die Poren der Haut.

Ich weiß, der Staat ist klamm, aber selbst klammere Sprachräume haben es schon seit Jahrhunderten geschafft, die Regeln ihrer Kommunikation von Akademien festlegen zu lassen, ohne dass das Alltagsleben der Bürger dadurch permanent belästigt wird.

Nehmen wir zum Beispiel die Real Academia de la Lengua Española, die es sogar schafft, das Kastilisch der Länder Lateinamerikas zu deren Zufriedenheit mit dem Spanischen zu verbinden. Gegründet 1713 hat sie seit jeher die Aufgabe, die Aussprache und die Wörter der kastilischen Sprache möglichst angemessen, elegant und rein festzulegen. Heute ist ihr Hauptanliegen, dafür zu sorgen, dass die zur Anpassung an die Notwendigkeiten ihrer Sprecher passierenden Veränderungen der kastilischen Sprache nicht die essenzielle Einheit im ihrem gesamten Sprachraum zerbrechen.

Unsere Sprache verdient mehr Respekt und hat das Recht auf ihre Evolution, die man ihr nicht anzüchten kann.

Dr. Rainer Wimmer, München

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