Leserbriefe : Unterprivilegierte Kinder sind nicht dümmer

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„Fürs Leben rechnen“ vom 18. Januar 2005

Lernbehinderung ist kein fest stehendes, dauerhaftes Merkmal, wie z.B. Blindheit. Die Schüler der Schule für Lernbehinderte kommen zu ca. 85 Prozent aus unterprivilegierten Schichten. Es sind überwiegend Kinder von arbeitslosen Eltern, Sozialhilfeempfängern oder ausländischen Mitbürgern. Sie haben kein eigenes Zimmer, besitzen kaum persönliche Konsumgüter, der Bücherbestand ist sehr gering und der Fernsehkonsum erheblich länger als bei anderen Kindern. Das Milieu ist insgesamt anregungsarm, so dass diese Kinder erheblich soziokulturell benachteiligt sind und den Erwartungen von Schule und Lehrern oft nicht entsprechen können. Hartmut von Hentig, einer der bedeutendsten Pädagogen der Gegenwart, schrieb einmal: Die Lebensprobleme dieser Kinder überwältigen fortwährend ihre Lernprobleme. Sie als intelligenzgemindert einzustufen, ist Zynismus und negiert die sozialen Probleme. Im Übrigen besteht seit etwa 25 Jahren wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Intelligenztests als lerndiagnostische Instrumente ungeeignet sind.

Prof. Hans Eberwein, BerlinWilmersdorf

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