Leserbriefe : Verantwortungsbewusstsein kann sich auszahlen

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„Bürger kauft diese Stadt“

vom 7. Mai 2006

Nicht jede Frage, und die der Daseinsvorsorge zumeist am wenigsten, ist geeignet für ein zivilgesellschaftlich-individualistisches Lösungsmodell. In diesem Zusammenhang nimmt es schon Wunder, dass Herr Hoffmann-Axthelm alle Probleme einer Privatisierung der städtischen Wohnungen an deren Mieter aufzählt, es aber trotzdem für eine gute Idee hält.

Hoffmann-Axthelms Analyse verharrt im Feuilleton. Keine Kenntnis der Struktur öffentlichen Wohnungseigentums, keine Auseinandersetzung mit den selbst aufgeworfenen Fragen, nur ein auf den Sektor des städtischen Wohnens heruntergebrochenes Bekenntnis zum Glauben, dass mit der finanziellen Beteiligung der Bürger deren Interesse für gesamtstädtische Belange steigt. Dies ist nichts anderes als das altbekannte Wehklagen über den fehlenden Bürgersinn der Berliner.

Wenn die Berlinerinnen und Berliner dauerhaft Arbeit finden, statt mit Arbeitslosigkeit, Entlassungsangst und Lohnverlust umgehen zu müssen, darf Herr Hoffmann-Axthelm gerne wieder vorlegen.

Axel Seltz,

Berlin-Schöneberg

Volle Zustimmung zum Vorschlag, sich in Richtung einer mehr durch die Verantwortlichkeit der Bewohner getragenen Bürgerstadt zu bewegen. Mit 100 000 Wohnungsverkäufen an selbst nutzende Eigentümer wäre auch ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan. Aber es gibt doch Bedenken dagegen, die Wohnungen schnell den einzelnen Mietern zu verkaufen.

Erstens fehlt den städtischen Unternehmen die Kapazität, sich hausweise mit den interessierten Bürgern und ihren differenzierten Bedürfnissen auseinander zu setzen. Zweitens handelt es sich bei den Beständen teilweise um prekäre Restposten. Ob sich ein Kauf als Vermögenssicherung für das Alter lohnt, ist angesichts 100 000 leerer Wohnungen in Berlin und kaum steigender Bevölkerungszahlen unsicher. Und wie passt eigentlich das sperrige Modell des Wohnungseigentums zu einer dynamischen Gesellschaft? Berliner wechseln (im statistischen Durchschnitt) ihre Wohnungen alle paar Jahre und der Arbeitsmarkt verlangt regionale Flexibilität. Wer sagt, dass man das Geld wieder herausbekommt, das in der gekauften Wohnung steckt?

Wenn also die Stadt tatsächlich ein Interesse daran hat, mit der Lösung der finanziellen Misere zugleich auch einen stadt- und wohnungspolitischen Mehrwert à la Bürgerstadt zu erreichen, wird sie sich auf ein komplexes Management der Vermarktung – durch wen auch immer – einlassen müssen. Nur so werden diejenigen erreichbar sein, die sowohl Eigentum aufbauen, als auch Verantwortung für ihre Nachbarschaften und die Stadt übernehmen wollen.

Und dabei erstaunt, wie der Autor die genossenschaftliche Alternative abtut. Vielleicht ist diese Form eines relativ flexiblen und Risiken (wie selbstverständlich auch Gewinne) verteilenden Wohneigentums mit demokratischer Selbstverwaltung und professionellen Management für eine dynamische Stadt viel besser geeignet, als er annimmt. Aber es wird die Politik sein müssen, die die entsprechenden Modelle entwickelt. Für Berlin kann sich dieser Aufwand sehr wohl lohnen. Seit Jahrzehnten scheiden genossenschaftliche Bestände hinsichtlich der Wohnzufriedenheit gut ab. Auch haben die Genossenschaften sich oft als die Träger innovativer Wohnmodelle hervorgetan, wie sie angesichts des nach den kommenden Wahlen erwartbaren weiteren Verkaufs städtischer Wohnungen – was immer die Parteien heute tönen – dringend erforderlich sind.

Thomas Knorr-Siedow,

Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner

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