Leserbriefe : Verlorene Realitäten

„Starkes Russland, gutes Russland / Deutschland muss Moskaus Macht nicht fürchten“ von Alexander Gauland

vom 25. August

Es ist geradezu wohltuend, die abgewogene und differenzierte Sichtweise zum Kaukasuskonflikt von Alexander Gauland zu lesen.

Die heuchlerischen Kommentare und Sanktionsandrohungen aus den USA hätten es verdient, viel früher und konsequenter zurückgewiesen zu werden.

Unter dem Mäntelchen idealistischer Prinzipien sind die USA z. B. in Grenada, in Panama und im Irak eingefallen, ohne sich um Souveränität oder Völkerrecht zu scheren. In Lateinamerika wenden die USA nach wie vor die Monroedoktrin von 1823 an, wenn es um Ordnung in ihrem "Hinterhof" geht.Und im Nahen Osten sind es ihre Ölinteressen, die ihre Maxime leiten.

Wenn die Russen – immer noch eine Weltmacht – ihre nachvollziehbaren Interessen wahren, dann sehe ich jedenfalls dies mit großer Beruhigung, weil auf diese Weise den USA Grenzen aufgezeigt werden. Hoffentlich wächst unter der gegenwärtigen russischen Führung Russland wieder zu solcher militärischer Macht, dass es den USA unmöglich wird, ihre aggressive und expansionistische Politik weiterzuverfolgen. Es ist ein Jammer, dass die russlandfreundliche Politik Gerhard Schröders nicht weiterverfolgt wird.

Wolfgang Heinze, Berlin-Wittenau

„Zweierlei Maß / Osseten und Abchasen“ von Sebastian Bickerich vom 26. August

In der UdSSR hat man vor Jahrzehnten planmäßig die Bevölkerung mit Russen unterwandert (z. B. Litauen, Estland, Lettland, Ukraine, Georgien). An der Führungsakademie Hamburg gab es in den 90ern eine Planübung, wo betroffene Bevölkerungsteile „die Armee rot" um Hilfe baten und damit den Angriffskrieg legitimierten. Unsere Politiker müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es richtig war, die Bundeswehr auf 250 000 zu reduzieren, "weil wir nur noch von Freunden umgeben" sind. Gerne schimpft man auf die USA, im Spannungsfall sind das diejenigen, die aktuell in der Lage sind, unsere Freiheit zu verteidigen. Quo vadis Europa?

Dr. Joachim Sproß,

Berlin-Wilmersdorf

Der Tagesspiegel zeigt eine Seite, hier eine andere Position auf der Suche nach verlorenen Realitäten: Dem Kosovo eine staatliche Struktur anzumessen, ist ein mühsamer, längst nicht vollzogener, von außen gesponserter Weg. Südossetien und Abchasien dagegen hatten sich nach Volksabstimmungen und Wahlen die eigene Legislative und Exekutive geschaffen. Damit sind diese nicht anerkannten Staaten De-facto-Regime, die sich aus eigener Kraft hoheitsförmige Gewalt gaben. Das Völkerrecht misst der Nicht-Anerkennung solcher Gebilde eine mindere Bedeutung zu und verbietet die Änderung des Status quo durch Gewaltanwendung. Das Kosovo und Südossetien sind nicht miteinander vergleichbar. Georgien hatte den fremden Ethnien innerhalb seiner von Stalin gezogenen Grenzen nach dem Fall der Sowjetunion den Status der Autonomie entzogen. Damals beantragten viele staatenlos gewordenen Südosseten die russische Staatsbürgerschaft. Und nun glaubte ein kaukasischer Milosevic den gordischen Knoten durchhauen zu können mit einem nächtlichen Überfall auf die Hauptstadt der Südosseten. Mit schwerer Artillerie wurde ziviles Leben vernichtet, und der Westen urteilt milde. Auch die regimekritischen Kollegen der ermordeten Journalistin Politkovskaja von der Novaja Gaseta sind empört über die einseitige Berichterstattung ihrer westlichen Kollegen.

Eberhard Radczuweit,

Berlin-Friedenau

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