Leserbriefe : Versicherungspflicht bei Naturkatastrophen ist ökonomisch unsinnig

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Betrifft: Versicherungspflicht für Elementarschäden

Die Pflichtversicherung aller Bürger gegen Naturkatastrophen ist ökonomisch heller Unfug. Denn Versicherungsprämien sind Geld von heute für den Schadensfall von morgen. Pensionsfonds, Lebens-, Kranken- und Unfallversicherungen, Renten-, Haftpflicht-, Gebäudeversicherungen überschwemmen die Kapital und Aktienmärkte mit „geparktem Geld".

Eine Flut von über zwei Billionen Euro Spekulations- und Anlagekapital hüpft täglich – dem Lauf der Sonne folgend – von Tokio über Singapur, Frankfurt, London, New York, von Börsenplatz zu Börsenplatz und sucht neue Renditechancen. Wie Wanderdünen am Meeresgrund türmen sich unter diesem Gezeitenstrom abgelöst von betriebswirtschaftlichen Fundamentaldaten die Höhen und Tiefen der Börsenkurse.

Weltweit besteht Hilflosigkeit, die vagabundierenden Anlagegelder dauerhaft werthaltig zu binden. Bis zum Auszahlungstag im Schadensfall wird ein nicht unerheblicher Teil der Anlagegelder in Aktienzusammenbrüchen und Währungskrisen pulverisiert. Dies ist der Anfang eines sich beschleunigenden Trends. Die Aufsichtsämter für Versicherungs- und Kreditwesen prüfen bereits, ob die Deckung der Versicherungszusagen noch gewährleistet ist.

Der verständliche Fokus des Anlegers auf den Shareholder Value verschiebt die Ertragsanteile in den Wertschöpfungsketten. Am Ende aber bleiben weniger potente Nachfrager in einem Meer gestiegener Geldmenge. Wird dieser Kreislauf aufgebläht durch die Pflichtversicherung aller gegen die nach Umfang und Wahrscheinlichkeit nicht kalkulierbaren Naturkatastrophen, entzieht dieser Kreislauf dem Geld seinen Wert schneller noch, als dies ohnehin schon geschieht.

Den Nutzen, den die echte Solidargemeinschaft spontan entfaltet, kann eine Versicherung nie ersetzen. Durch die erfreuliche Spendenaktivität und die breite Zustimmung zur Verschiebung der Steuerreform wird zeitaktuell Geld mobilisiert für den Wiederaufbau der zerstörten Städte. Totes Kapital wird in die Hände volkswirtschaftlich aktiver Arbeitsnachfrager geleitet. Das hat außerdem das Potential zu einem lokal und zeitlich limitierten Wachstumsmotor und strahlt positiv auf die Allgemeinwirtschaft aus.

Christoph Lischke, Berlin-Mitte

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