Leserbriefe : Versöhnung ist keine Einbahnstraße

„Erika Steinbachs Plan / Versöhnung sieht anders aus“ von Gerd Appenzeller

vom 6. Januar

Den Kommentar habe ich noch als einseitige Meinungsäußerung eines Redaktionsdirektors gewertet, aber die Schlusszeile trieb mir die Röte des Zornes ins Gesicht. Ich bin ein Vertriebener und Mitglied einer Landsmannschaft. Versöhnung ist keine Einbahnstraße und bei genauem Hinschauen hat Polen nicht ein Jota dazu beigetragen, dass diese Gedenkstätte Wirklichkeit wird. Polen stellt nur Forderungen und was Herr Appenzeller richtig erkannt hat, Guido Westerwelle hat mit seinem „… völlig überflüssiges schneidiges Auftreten“ mehr zerstört, als die Freundschaft zu Polen gelitten hätte, wenn Frau Steinbach den Sitz bekommen hätte.

Zum Schluss sei mir die Bemerkung gestattet, dass Herr Westerwelle besser daran getan hätte, seiner Neigung entsprechend ein Wirtschaftsressort zu übernehmen und nicht aus Tradition der FDP das Außenamt. Vizekanzler kann man auch als Wirtschaftsminister sein.

Christoph A. Weidlich,

Berlin-Schöneberg

Der Vorstoß von Steinbach in Sachen Stiftung ist kein Kompromiss und kein Weg der Vernunft! Das ist ein platter Versuch eines unerträglichen Diktats! Mit anderen Worten: da liegt ein Nest voller Natterneier.

Günter Fluck, Stuttgart

Bei den derzeitigen Diskussionen um die Vertriebenenpräsidentin rücken auch die Vertriebenenverbände ins Blickfeld. Es stellt sich hier die Frage, ob es heute, 65 Jahre nach den Vertreibungen, überhaupt noch echte Vertriebene gibt. Die materiellen Verluste sind längst über Entschädigungszahlungen ausgeglichen worden, beziehungsweise wurden im Rahmen des EU-Beitritts von Polen, Tschechien und so weiter abschließend geregelt. Die Möglichkeit, die frühere Heimat zu besuchen, ja, sich sogar dort niederzulassen ist in der EU ohne weiteres gegeben.

Da der Bund der Vertrieben (BdV) kein Folkloreverein ist, sondern politisch Einfluss zu nehmen versucht, frage ich mich: Was sind eigentlich seine Ziele? Die Funktionsträger des BdV dürften durchweg niemals in der „alten Heimat“ gelebt haben, ihre persönlichen Interessen könnten daher hauptsächlich darin bestehen, einen Mythos am Leben zu halten, um ihre eigene Position zu sichern. So gesehen ist die – begrüßenswerte – Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung eine Angelegenheit der Historiker, in der o. g. Funktionäre eigentlich nur Schaden stiften können und es im Falle von Frau Steinbach offenbar auch tun.

Wolfgang Neumann,

Berlin-Siemensstadt

Sind es nicht vorwiegend Medienmenschen und Berufspolitiker – nicht etwa Deutsche und Polen –, die eine Abneigung gegen Erika Steinbach hegen? Hat deren Abneigung vielleicht weder mit einer Bundestagsabstimmung von 1991 über die Ostgrenze noch mit der Zusammensetzung eines Stiftungsrates zu tun, sondern eher damit, dass es immer noch deutsche Vertriebene gibt? Dass diese Vertriebenen sich gar weiterhin organisieren und zu ihrer gemeinsamen Geschichte bekennen? Dass die modernen Deutschen sich keinesfalls an die alten Ostgebiete erinnern lassen wollen, in denen über 700 Jahre lang Deutsche zu Hause waren? Dass viele alteingesessene Westdeutsche die Vertriebenen einst gern als „Pollacken“ und Bettler, eine Generation später dann als Revanchisten und lebende Friedenshindernisse denunzierten?

Würden heute ausschließlich Deutsche unter 40 Jahren gefragt, woher nach 1945 die deutschen Vertriebenen kamen, bzw. wo etwa Schlesien und Ostpreußen liegen, würde sicherlich eine Mehrheit „weiß nicht“ antworten.

Nur am Rande: Der Bund der Vertriebenen ist politisch seit eh und je völlig machtlos, und die Abgeordnete Steinbach hat sich nie revanchistisch oder polenfeindlich geäußert. Wer sie beschimpft, hat nichts zu befürchten und dafür den Beifall des Medienmainstreams sicher.

Rolf Knitter, Berlin-Zehlendorf

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