Leserbriefe : Viele waren da, keiner hat’s gesehen

Zur Hetzjagd auf Inder

im sächsischen Mügeln

Das Städtchen, um dessen Ruf der Bürgermeister besorgt ist, hat jetzt einen. Niemand hat’s gesehen, aber der Bürgermeister hat so viel gesehen, dass er weiß, „das war keiner von hier“.

Peter Haesner, Berlin-Schöneberg

Da werden acht Inder durch einen Ort gehetzt mit dem Ruf „hier ist der nationale Widerstand, Ausländer raus“, doch sächsische Politiker, die Polizei, der Bürgermeister rätseln noch, ob es sich wirklich um Neonazis oder „nur“ um Fremdenfeindlichkeit handelt, als ob nicht beides bei solchen Gewalttaten gegen Ausländer identisch wäre. Der Bürgermeister von Mügeln tut so, als sei das lediglich ein Kavaliersdelikt.

Allzu oft, das wissen wir doch, man braucht nur die Zeitungen seit 1990 aufzuschlagen, werden die Täter äußerst milde behandelt. Verhaftet und wieder laufen gelassen, das ist eher die Regel denn die Ausnahme. Von den Bürgern wird Zivilcourage verlangt. Das ist die größte Heuchelei. Dabei weiß man, wer sich wehrt, lebt gefährlich. Wie kann der Staat, wie können Politiker Zivilcourage fordern, wenn die Strafverfolgung äußerst lax gehandhabt wird? Solange nur immer „Betroffenheit“ gezeigt, immer nur von „beschämend“ oder Schande gefaselt, aber nicht gehandelt wird, Politik und Justiz dem braunen Sumpf nicht entschlossen genug entgegengetreten, solange werden Neonazis ihr brutales Spiel weiter treiben. Harte Strafen sind das einzige Mittel, diese Leute zu beeindrucken.

Im Übrigen gilt ganz allgemein, brutale Schläger, auch ohne politischen Hintergrund, kommen in der Regel viel zu gut weg, werden von der Justiz viel zu milde behandelt. Deshalb hat es keinen Zweck, sich als Held beweisen zu wollen, man ist nur der Dumme. Täter werden mit Samthandschuhen angefasst, die Opfer erhalten ein paar Mitleids- oder Anerkennungsworte, damit hat sich das. Polizei alarmieren und herbeirufen ist das Einzige, was man tun kann und muss.

Burkhard Koettlitz,

Berlin-Wilmersdorf

Der Äußerung des Mügelner Bürgermeisters, Ausländer-raus-Parolen können jedem mal über die Lippen kommen, widerspreche ich energisch! Sie können nur demjenigen über die Lippen kommen, der so denkt, toleriert und gebenenfalls mitmacht, wenn ihm unwillkommene Menschen bedroht werden. Gegen diese erschreckend weit verbreitete Denkweise werden weder Geld noch mobile Beratungsteams noch Beobachtungsstellen und was es sonst für Vorschläge gibt, etwas ausrichten. Man sollte aber einen Amtsinhaber, der solche verharmlosende Aussage macht, umgehend aus seinem Amt entfernen.

Adelheid Thalemann,

Berlin-Grunewald

Danke für die sachliche und gut recherchierte Berichterstattung über den Vorfall in Mügeln. Man hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung anfällig ist für Vorurteile gegen Türken, Araber, Afrikaner. Dass die Opfer des jetzigen Vorfalls Inder sind, zeugt, wie mir scheint, von einer besorgniserregenden Steigerung rechtsextremistischer Verblödung. Das verlangt in der Tat auch nach einer Steigerung der Bemühungen gegen rechtsextremistische Unterwanderung der Gesellschaft.

Waruno Mahdi, Berlin-Neukölln

5000 Einwohner, alle waren da, keiner hat was gesehen, oder besser, jeder hat es gesehen, aber keiner sagt was. Der Bürgermeister stellt sich vor seine Gemeinde, das ist im Normalfall auch gut so. Aber wenn die Aufklärung der Tatverläufe behindert wird, dann geht dieses vermeintlich ehrenhafte Verhalten zu weit.

Das Problem des Rechtsextremismus hat Deutschland nie verlassen, doch besonders auffällig ist die Häufigkeit von Vorfällen in Ostdeutschland. Wendeverlierer, schlechte Infrastruktur, fehlende Arbeitsplätze, Perspektivlosigkeit – für mich keine Entschuldigungen, seinen Kopf auszuschalten und die Faust sprechen zu lassen. Wer solche Menschen schützt, und sei es aus Angst vor eigener Bedrohung, der stärkt diese Menschen.

Die Gemeinden, die dieser Bedrohung nicht Herr werden, verlieren, denn wer will schon in einen Ort reisen, in dem einem ein aktiver Ausländerfeind tagtäglich auf der Straße begegnen kann? Mügeln ist überall, es wird Zeit, den Mund aufzumachen.

Robert Lüdtke,

Berlin-Wilmersdorf

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