Leserbriefe : Von der Vision zur Realität

„Renaissance der Bürgerstadt / Die

Vollendung der Vereinigung: Eine Vision

für das historische Zentrum Berlins“

von Klaus Hartung vom 28. Mai 2009

Klaus Hartungs Plädoyer für die Wiedergewinnung der historischen Mitte Berlins verdient volle Unterstützung. Das Unbehagen über das Fehlen einer Berliner Innenstadt (der Begriff „Altstadt“ wäre angesichts der wenigen überlebenden historischen Relikte zweifellos irreführend) wird umso spürbarer, je mehr sich die Stadt insgesamt erfreulich entwickelt – und hat inzwischen ja auch die politische Führung erreicht.

In der Tat gibt es keine vergleichbare europäische Stadt, die mit ihrem historischen Kern so brutal umgegangen ist wie Berlin – obwohl von der alten Bebauung nach dem Krieg wesentlich mehr übrig geblieben war, als den meisten Berlinern heute bewusst ist.

Zwei zusätzliche Aspekte:

– Im Normalfall ist es die Funktion eines Stadtzentrums, die Verbindung zu den umliegenden Stadträumen herzustellen – nicht so in Berlin mit seinen großen zentralen Freiflächen. Die urbane Wiedergewinnung der Mitte durch Bebauung dieser halbherzigen Grünflächen und unbehausten Verkehrswüsten könnte dazu führen, dass auch in Berlin wieder „zusammenwächst was zusammengehört“.

Nicht zuletzt ist dies ein Gedanke, der auch dem Entwurf von Franco Stella für das Humboldtforum/Schlossprojekt zugrunde liegt: seine Idee einer Nord-Süd-Passage war ein wesentliches Motiv für die Prämierung seines Modells.

– Das in der Spätphase der DDR entstandene Nikolaiviertel – offenbar Ausdruck eines schlechten Gewissens nach der vorausgegangenen Tabula-Rasa-Politik – wirkt mit seiner jetzigen, nach außen abgeschotteten Puppenstuben-Romantik eher deplatziert. Es bestünde die Chance, dieses Viertel durch Anbindung an eine innenstädtische Bebauung im Norden in einen größeren Zusammenhang zu integrieren. Zugleich würden damit entsprechende Bemühungen in Richtung Molkenmarkt/ Kloster-Viertel sinnvoll ergänzt – was Berlin dann im Ergebnis tatsächlich wieder zu einer „normalen“ Innenstadt verhelfen könnte.

Die große Herausforderung an Stadtplaner und Architekten bestünde allerdings darin, für die Bebauung einen angemessenen Stil zu finden - das heißt, sowohl künstliche Nostalgie als auch gerasterte Langeweile zu vermeiden. Die vielen Bausünden der Berliner Nachkriegsarchitektur stimmen insoweit eher skeptisch. Dennoch: diese „Vision“ könnte Realität werden!

Folkmar Stoecker,

Berlin-Wilmersdorf

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