Leserbriefe : WAHLKAMPF Gesundheit nur für Reiche?

Leser Axel Heyn fürchtet, dass die CDU eine Zweiklassenmedizin einführen will. Ex-Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) antwortet.

NAME

ZURÜCKGESCHRIEBEN

Betrifft: „Die Politik versichert viel“ vom 3. September 2002

Im Falle eines Wahlsieges der Union würde Horst Seehofer (CSU) sicher wieder Gesundheitsminister werden. Das hieße: Stärkere Eigenbeteiligung der Patienten bei Arztbesuch, Krankenhausaufenthalt, Rezeptgebühren. Die Union will eine größere Wahlfreiheit über den Umfang des Versicherungsschutzes durchsetzen. Wie kann man verhindern, dass sich daraus eine Zweiklassenmedizin entwickelt, die die Gesunden und Reichen belohnt und die Kranken, besonders die chronisch Kranken und die Armen zusätzlich bestraft? Und wie soll man den Umfang des Versicherungsschutzes kalkulieren?

Ich denke an einen wirklich geschehenen Vorfall: Junger Mann, Anfang 20, sportlich, durchtrainiert, kerngesund. Dieser Mensch würde wahrscheinlich den geringsten Umfang des Versicherungsschutzes wählen. Jedenfalls für die nächsten Jahre. Nun gerät dieser junge Mann eines Nachts mit seinem Auto in ein Unwetter und legt sich in einer einsamen Gegend mit einem Baum an. Durch einen anonymen Anruf bei der Polizei wird er gerettet. Er hat starke innere Verletzungen, die linke Hüftseite ist ein Trümmerhaufen. Die Ärzte operieren sieben Stunden. An den Unfallhergang kann er sich nicht mehr erinnern. Es folgen acht Monate Krankenhaus, ein Jahr Rekonvaleszenz, anschließend ist er schwerbehindert.

Die Kosten waren enorm. Der selbst gewählte Versicherungsschutz hätte wahrscheinlich nicht mal zehn Prozent davon abgedeckt.

Axel Heyn, Berlin-Lankwitz

Sehr geehrter Herr Heyn,

das zentrale gesundheitspolitische Anliegen der Union ist die Stärkung der Rolle der Patienten. Neben der Beibehaltung der freien Arzt- und Krankenhauswahl müssen die Entscheidungsfreiheiten auch bei der Vertragsgestaltung mit den Krankenkassen verbessert werden. Staatliche Planung und Reglementierung kann dies nicht leisten. Ein Vertragswettbewerb innerhalb klarer sozialpolitischer Spielregeln ist eher geeignet, die Strukturdefizite des Gesundheitswesens zu beseitigen, die Qualität der medizinischen Versorgung zu verbessern und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Nach meiner Auffassung soll künftig jeder selbst entscheiden können, ob er den bisherigen Versorgungsumfang beibehalten, zusätzliche Leistungen (z.B. Akupunktur, besondere Naturheilverfahren, aufwendiger Zahnersatz etc.) haben oder bei gleichzeitiger Beitragsermäßigung einen Selbstbehalt übernehmen will. Warum sollen wir den Menschen diese Kompetenz zur freien Entscheidung über den versicherten Leistungsumfang nicht zugestehen?

So halte ich es für sinnvoll, wenn wir den Versicherten in den nächsten Jahren die Möglichkeit einräumen, sich bei Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung für einen Selbstbehalt in einer bestimmten Bandbreite zu entscheiden. Dieser freiwillige Selbstbehalt könnte sukzessive ausgebaut werden, wobei eine Höchstgrenze zu beachten wäre. Gleichzeitig könnten die Versicherten, die sich für einen Selbstbehalt entscheiden, mit einem geringeren Krankenkassenbeitrag rechnen. Selbstbehalte wirken nicht nur beitragsmindernd, sondern haben weitergehende positive Effekte auf das Verhalten der Versicherten.

Es liegt auf der Hand, dass ein solches Konzept sozial verträglich ausgestaltet werden muss. Ebenso wird man dies nicht von heute auf morgen umsetzen. Deshalb sollte die Einführung von Selbstbehalten stufenweise über mehrere Jahre hinweg erfolgen.

Der im Leserbrief geschilderte Fall eines Unfallgeschädigten mit extremen Behandlungskosten würde bei unserem Modell nicht zu der befürchteten finanziellen Überforderung führen. Dies wird dadurch vermieden, dass eine Obergrenze für einen möglichen Selbstbehalt vorgegeben wird, die eine finanzielle Überlastung ausschließt. Dieses Modell hat sich in der Schweiz bewährt. Und niemand kann behaupten, dass die Menschen dort im Krankheitsfall schlecht versorgt würden.

Mittelfristig brauchen wir eine solche Neuausrichtung der gesetzlichen Krankenversicherung.

Horst Seehofer

Ex-Gesundheitsminister, im Stoiber-Teamfür Gesundheits- und Sozialpolitik zuständig

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben