Leserbriefe : Warum ist der Ölpreis so hoch?

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„50 Dollar – Öl kostet so viel wie noch nie“ vom 29. September 2004

Alle jammern über die explodierenden Ölpreise. Selbst Kanzler Schröder ist offensichtlich besorgt und äußert sich wieder einmal schönredend über diese zusätzliche Misere.

Weder er noch die meisten Medien weisen darauf hin, was inzwischen aus Börsen- u. Ölmarktkreisen bestätigt wurde:

Spekulanten nutzen die Gunst der Stunde und treiben als Hauptverursacher mit kurzfristigen Manipulationen und Transaktionen den Ölpreis weiter in die Höhe!

Dieser unverschämte Preisterror und die Duldung der preistreibenden Ölhaie ist die Hauptursache des explodierenden Ölpreises, weniger Ölmangel noch Chinas Bedarf oder andere lächerliche Ausreden, die uns aufgetischt werden. Da werden jetzt Super-Profite auf dem Rücken der Weltwirtschaft und damit aller Menschen gemacht!

Wieder werden Sündenböcke gesucht und gefunden, anstatt die wahren Hauptverursacher und Hintergründe aufzudecken und öffentlich zu machen. Besorgniserregend ist, wie sich die Medien weitgehend daran bewusst oder unbewusst beteiligen. LobbyistInnen und VertreterInnen des Ölhandels können über die Medien ihre Auffassungen verbreiten und keiner hakt nach oder hinterfragt. Es lebe die „freie Marktwirtschaft“!

Detlef Unger, Berlin-Wedding

Sehr geehrter Herr Unger,

die Gründe für die hohen Ölpreise sind vor allem ein rasch gestiegener Bedarf sowie Sorgen am Ölmarkt über mögliche Lieferausfälle. Die weltweite Ölnachfrage nimmt seit dem vergangenen Jahr deutlich schneller zu, in diesem Jahr wird sie nach Schätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) um 3,2 Prozent steigen, so viel wie seit 24 Jahren nicht mehr. Die zusätzliche Nachfrage fällt weit überwiegend nicht bei uns in den Industrieländern an, sondern in den Entwicklungs- und Schwellenländern, insbesondere in China. Durch die hohe Nachfrage erreichte die Weltölförderung im August die Rekordmenge von 83,6 Mio. Barrel am Tag, das sind fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Durch die Ausweitung der Weltölproduktion sind die nicht genutzten Förderkapazitäten deutlich geschrumpft, auf etwa ein Prozent der täglichen Fördermenge. Verglichen mit früheren Jahren sind die Kapazitätsreserven der Ölländer derzeit äußerst niedrig. Dadurch sind die kurzfristigen Möglichkeiten, größere Lieferausfälle durch Mehrproduktion an anderer Stelle auszugleichen, weitgehend ausgeschöpft. Angesichts von bestehenden oder sich anbahnenden Konflikten in mehreren wichtigen Förderländern ist daher die Unsicherheit am Ölmarkt hinsichtlich der zukünftigen Ölversorgung groß. Die Sorgen betreffen mehrere Länder, insbesondere aber weiterhin den Irak. Sabotage und Anschläge führen dort immer wieder zur Unterbrechung von Ölproduktion und -export.

Und damit kommen wir zu den Spekulanten. Denn die Barrelpreise, über die täglich in der Zeitung und in den Nachrichten berichtet wird und an denen sich auch die tatsächlich vom Käufer gezahlten Preise orientieren, sind in der Regel Preise für „Papierfässer“ (paper barrels), die an den Ölbörsen in London, New York und Singapur gehandelt werden. Die Londoner Börse, die den Preis des Nordseeöls Brent notiert, wird nach eigener Aussage von „Fondsmanagern, Spekulanten, Ölproduzenten und -raffineuren, Verbrauchern und anderen Teilnehmern aus der Industrie, die dem Risiko von Preisschwankungen ausgesetzt sind“, genutzt. Die Käufer erwerben dort ein Anrecht auf eine feste Menge Öl zu einem festen Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt (z. B. in einem Monat). Sie tun das in der jetzigen Situation, um ihren zukünftigen Ölbedarf gegen befürchtete weitere Preissteigerungen abzusichern. Oder sie brauchen gar kein Öl und spekulieren auf einen Gewinn, wenn sie ihren Vertrag später wieder abstoßen. Die Verträge wechseln bis zur Fälligkeit oft viele Male den Besitzer. Es wird also viel mehr Öl gehandelt, als tatsächlich da ist. Die Grenze zwischen „berechtigter“ Absicherung von Preisrisiken und „reiner“ Spekulation ist fließend.

In einer Marktwirtschaft haben Preise die Funktion, Knappheiten anzuzeigen. Öl ist gegenwärtig knapp oder könnte zumindest in Kürze knapp werden, also sind die Preise gestiegen. Dazu braucht man keine Verschwörungstheorien. Man kann diese Art der Preisfindung ablehnen, eine bessere muss aber erst noch gefunden werden. Außerdem haben Rohstoffpreise es an sich, zu steigen und zu fallen. So kostete Öl vor nicht einmal sechs Jahren nur zehn Dollar. Damals waren die Verbraucher die Nutznießer, jetzt sind es die Besitzer der Ölquellen, also die Ölländer und die großen Mineralölgesellschaften.

Was kann man als Verbraucher tun? Herzlich wenig. Denn wir werden wohl noch lange Zeit am Öltropf hängen.

— Klaus Matthies ist Öl- und Rohstoffexperte im Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv.

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