Leserbriefe : Warum müssen Eltern immer mehr für die Schule zahlen?

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„Deutschlands Schulen mangelhaft“ vom 15. September 2004

Wenn ich mit Kollegen aus Malaysia über das Thema Schule und Ausbildung spreche, dann wird deutlich, dass wir in Deutschland mehr und mehr ins Hintertreffen geraten.

So können meine Kollegen in Kuala-Lumpur nicht verstehen, dass ich für meinen Sohn 400 Euro im Monat für den Kindergartenplatz bezahlen muss, meine Töchter an der Schule alle Bücher und sonstigen Lehrmittel bezahlen müssen und Schulmaterial oft nur über Fördervereine, die auch von den Eltern getragen werden, finanziert werden kann. Aber dann, wenn wir auch diese finanziellen Hürden bis zum Abitur genommen haben, dann wird es billiger, denn im Vergleich zu den Kindergartengebühren gibt es das Studium fast zum Null-Tarif – jedenfalls, was Studiengebühren angeht.

Leben wir da vielleicht in einer falschen Welt? Jeder weiß, wie wichtig eine gute und Sozialkompetenz aufbauende Kinderbetreuung gerade für die Kleinen ist. Auch die aktuelle Politik und die in diesen Tagen immer wieder zitierten Reformansätze, die man doch nun sukzessiv umsetze, zementieren eher die Vergangenheit, als dass sie erkennbare Verbesserungen bringen. Auch kommt es mir so vor, wenn ich auf Elternabenden und Gesamtelternkonferenzen bin, dass der Senator für Jugend, Bildung und Sport von weit aus der Ferne her etwas beschließt, ohne im Vorfeld mit den Betroffenen über die Möglichkeiten und die Ausgestaltung der Umsetzung von Beschlüssen zu reden. Wo kommen die Lehrerstunden her? Sind die Gebäude, in denen sich die Schulen befinden, überhaupt geeignet für das Konzept einer Ganztagsschule? Wie wird die neue Eingangsstufe nach dem Wegfall der Vorschulen ausgestaltet?

Volker Jacumeit, Berlin-Staaken

Sehr geehrter Herr Jacumeit,

Deutschland war in Sachen Bildung vor Jahrzehnten einmal Spitze. Nach Pisa ist klar, dass wir wesentliche Entwicklungen verschlafen haben. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Es muss gehandelt werden. Die Kultusministerkonferenz und Berlin haben das getan. Die Reformen beginnen zu wirken. Doch wir sind keine Wunderheiler. Wir brauchen jetzt Geduld. Wir haben bei den Kleinsten begonnen: Die Versorgungssituation bei Kitaplätzen in Berlin ist inzwischen bundesweit Spitze. Fast die Hälfte aller unter Dreijährigen und über 90 Prozent der über Dreijährigen besuchen eine Krippe bzw. Kita. Davon träumen Eltern in anderen Bundesländern. Aber nicht nur die Quantität muss stimmen. Deshalb haben wir ein Bildungsprogramm für Berliner Kitas erarbeitet, das auch von Fachkreisen über Deutschland hinaus hoch geschätzt wird. Die Verwaltung lebt, nebenbei gesagt, nicht in der falschen Welt, sondern ist Teil des sehr realen Diesseits. Landessschulbeirat und Elterngremien werden an unseren Reformen immer beteiligt wie auch die Praktiker – Erzieherinnen, Lehrkräfte und Schulleiter.

Sie klagen über die hohen Summen, die Sie als Vater zahlen müssen. Eltern beteiligen sich an den Kosten für Lernmittel bis zu maximal 100 Euro im Jahr, alles andere ist rechtswidrig. Auch in anderen Bundesländern sind Lernmittel nicht kostenfrei für Eltern. Das Zahlenverhältnis „Schüler zu Lehrer“ liegt in Berlin günstiger als im Bundesdurchschnitt. Wir investieren neben dem Schul- und Sportstättensanierungsprogramm – 50 Millionen Euro pro Jahr! – große Summen in den Ausbau von Ganztagsgrundschulen. In den nächsten Jahren werden dies mit Unterstützung durch den Bund 163 Mio. Euro – plus Personalkosten – sein. Die Nachfrage ist groß, wir sind auf dem richtigen Weg. Geld ersetzt keine Ideen. Eine gute Idee ist die flexible Schulanfangsphase, die das individuelle Lerntempo des Kindes aufnimmt und es dadurch adäquat fördern und fordern kann. Sie wird Schritt für Schritt in Berlin eingeführt.

Natürlich sehe auch ich ein Ungleichgewicht zwischen der kostenpflichtigen vorschulischen Bildung in der Kita und dem Studium ohne Gebühren und wünschte mir an dieser Stelle Veränderung. Eine solche aber gibt es nicht von heute auf morgen. 400 Euro für einen Kitaplatz ist viel Geld, das Land übrigens gibt für einen Platz fast 800 Euro monatlich dazu. Bitte überprüfen Sie Ihre Rechnung noch einmal. Bei drei Kindern darf der Höchstsatz (Einkommen über 81000 Euro) für Ihren Sohn bei einer täglich mehr als neunstündigen Kitabetreuung nicht mehr als 280 Euro betragen. Eine Familie mit drei Kindern in der niedrigsten Einkommensgruppe zahlt übrigens 15 Euro pro Monat. Richtig ist, dass wir Lehrern viel zumuten – müssen. Für alle an Schule Beteiligten ist vieles, was wir jetzt umsetzen können, eine Herausforderung. Einiges erfordert ein Umdenken und viel, viel eigenes Tun. Dies ist nicht leicht, wie ich aus meiner langjährigen Erfahrungen als Lehrer und Elternvertreter weiß. Aber es ist auch unsere gemeinsame Chance.

— Klaus Böger (SPD) ist Senator für Schule, Jugend und Sport in Berlin.

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