Leserbriefe : Warum schweigt Amnesty, wenn Iraker tote Amerikaner traktieren?

-

Was in irakischen Gefängnissen passiert, ist wirklich nicht gut. Selbstverständlich meldet sich Amnesty International zu Wort.

Aber es bleibt eine Frage: Wo war Amnesty, als Palästinenser israelische Soldaten in Ramallah im Westjordanland vor laufender Kamera im Oktober 2000 gelyncht haben? Wo war Amnesty, als in Tschetschenien den russischen Gefangenen vor laufender Kamera die Kehle durchgeschnitten wurde? Wo war Amnesty, als die Iraker die Leichen von Amerikanern durch die Stadt schleppten? Nach dem Angriff auf einen zivilen Konvoi in Falludscha kam es fünfzig Kilometer westlich von Bagdad im April zu Gräuelszenen, bei denen Leichen der Opfer öffentlich zur Schau gestellt wurden. Verkohlte Körper, die von einem wütenden Mob mit Stangen und Schaufeln traktiert wurden. Genießen die „Gotteskrieger“ andere Gesetze, die von Amnesty akzeptiert werden?

Es wird viel von der verletzten Ehre stolzer Irakis geredet. Sprechen wir über die gleichen Iraker, die schreiend in Moscheen alles Amerikanische und Westliche ablehnen und dann draußen genauso schreiend mangelnde amerikanische und westliche Hilfe beklagen?

Gerd Stromberger, Berlin-Mitte

Sehr geehrter Herr Stromberger,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Arbeit. Ihre Leserzuschrift impliziert, dass Amnesty International (ai) Menschenrechtsverletzungen einseitig beklagt. Dies ist ein Vorwurf, dem wir immer wieder ausgesetzt sind, weil unterschiedlichen Ländern häufig unterschiedliche Sympathien entgegengebracht werden. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde geboren“ heißt es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Menschenrechte sind unteilbar und gelten universell. Im Rahmen unseres Mandates prangern wir Menschenrechtsverletzungen weltweit an. Dabei interessiert uns zunächst nicht, von wem und in was für einem politischen System diese Menschenrechtsverletzungen begangen wurden, ob die Verantwortlichen sich zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekennen oder nicht. Allerdings sehen wir die jeweiligen Regierungen in einer besonderen Pflicht, sowohl ihre als auch die Bürger anderer Länder vor Menschenrechtsverletzungen zu bewahren. Zu all den von Ihnen benannten Fällen hat sich die Organisation geäußert – wenn Sie davon nichts erfahren haben, kann es auch daran liegen, dass es den Medien keine Nachricht wert war. Als Amnesty International bereits Mitte vergangenen Jahres von Folter und Misshandlungen in irakischen Gefängnissen berichtete, gab es wenig Resonanz in den Medien und keine Reaktion der verantwortlichen Politiker. Sie sehen also, ai ist öfter „da“, als dies in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Jede Menschenrechtsverletzung, egal, von wem sie begangen wurde, ist eine zu viel. Wir halten daher das Aufwiegen von Menschenrechtsverletzungen für äußerst gefährlich. Unabhängigkeit ist unser oberstes Prinzip.

Wir schauen dorthin, wo sonst niemand hinschaut. Wir schauen auch dann weiter hin, wenn sich die Öffentlichkeit längst von einem Thema abgewendet hat. Wir setzen uns für Menschen ein, für die sich sonst niemand interessiert. Viele Menschenrechtsverletzungen werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit begangen – Amnesty International prüft Hinweise nach diesen versteckten Menschenrechtsverletzungen sorgfältig. Wenn sich die Hinweise bestätigen, geht Amnesty International an die Öffentlichkeit.

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit bleibt zur Sicherheit der Opfer aber auch bewusst im Verborgenen. So nimmt ai in ihrem Schutzprogramm akut bedrohte Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler auf, berät Opfer von Menschenrechtsverletzungen juristisch, bezahlt Krankenhausaufenthalte nach schweren Misshandlungen, kümmert sich um Angehörige. Leider kann Amnesty International nicht in allen Fällen aktiv werden, denn unsere Ressourcen sind begrenzt. Die Organisation finanziert sich ausschließlich durch Spenden und nimmt aus Gründen der Unabhängigkeit keine staatlichen Gelder an. Das bedeutet: Je mehr Menschen unsere Arbeit aktiv oder finanziell unterstützen, umso mehr können wir bewirken.

Wenn Sie sich zukünftig über unsere Aktivitäten informieren wollen, empfehlen wir Ihnen den regelmäßigen Besuch unserer Internetseiten www.Amnesty.de und www.Amnesty.org. Eine weitere gute Quelle ist der ai-Jahresbericht. Er dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in über 150 Ländern. Der neuste Jahresbericht wird am 27. Mai weltweit vorgestellt.

Barbara Lochbihler, Generalsekretärin

Amnesty International, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben