Leserbriefe : Warum sind in Berlin so wenig Ampeln auf grüne Welle geschaltet?

„Immer mehr Autofahrer sehen Rot

– und geben Gas“ vom 3. Oktober

Es ist natürlich bedauerlich, wenn allgemein gültige Regeln (Rote Ampel = Halt!) in zunehmenden Maße verletzt werden und auch noch Menschen zu Schaden kommen. Ich möchte jedoch als Praktiker der Straße auch auf den Missstand hinweisen, dass die Ampeln in Berlin durch die zuständige Behörde in einer verkehrsflussfeindlichen Art geschaltet sind, die nur zwei Ursachen haben kann: Böswilligkeit oder keinerlei Sachkenntnis !

Jürgen Mann, Berlin-Schöneberg

Ihren oben genannten Artikel habe ich mit Interesse gelesen, da ich selbst zunehmend „Rot“ sehe. Das in einer Zeit, in der zu Recht eine drastische Reduzierung der Kohlendioxidemissionen gefordert wird. Da man jedoch den Eindruck gewinnt, dass man zum Halt an fast jeder zweiten Ampel "verurteilt" wird, versuchen viele Autofahrer durch Beschleunigung vor der Ampel und doch noch „Durchhuschen“ bei vermeintlich noch gelber Ampel, die inzwischen dunkelrot ist, einen längeren Aufenthalt vor der roten Ampel zu vermeiden. Selbstverständlich ist das kriminell und dazu noch hochgradig lebensgefährlich. Es bedarf jedoch nicht der verkehrspsychologischen Beratung oder Betreuung der „Rotsünder“, die übrigens nicht nur unter Autofahrern zu finden sind, sondern vielmehr guter Fachleute, die unter anderem auch für die Ampelphasen im Ostteil der Stadt, oder für Tempo-30-Zonen eine akzeptable Schaltung hinbekommen.

Dieter Roedel, Berlin-Schmargendorf

Sehr geehrter Hr. Mann,

sehr geehrter Hr. Roedel,

natürlich gibt es Situationen, da ärgert man sich, wenn man an einer roten Ampel warten muss: Gerade eben verpasst man die Grün- oder Gelbphase, die nun anstehende Rotphase ist relativ lang - und man hat es doch so eilig … Darf man deshalb jetzt einfach die rote Ampel ignorieren? Jeder denkende Mensch weiß, dass das nicht geht. Um der Verkehrssicherheit willen, darf es deshalb zu keiner Zeit, an keiner Stelle in der Stadt eine Ausnahme von der Regel geben, dass ein Autofahrer an einer roten Ampel halten muss! Eine Ampel bei Rot zu überfahren ist kein Kavaliersdelikt. Sie riskieren mit diesem „Durchhuschen“ Menschenleben.

Der von Ihnen erhobene Vorwurf, wir würden die Autofahrer durch ungünstige Ampelschaltungen geradezu dazu zwingen, noch mal „schnell auf die Tube“ zu drücken, entspricht in keiner Weise den Tatsachen. Seit Jahrzehnten optimieren die Experten der Verkehrsverwaltung den Verkehrsfluss durch intelligente Ampelschaltungen. Dies ist aber in einer organisch, über Jahrhunderte gewachsenen Millionenstadt wahrlich nicht einfach. Lassen Sie mich dies kurz erklären.

Die zuständige Behörde, die Verkehrslenkung Berlin (VLB), ist bestrebt, überall dort wo es räumlich und verkehrlich möglich ist „grüne Wellen“ zu schalten. Ziel ist dabei, ein optimaler Verkehrsfluss, eine Reduzierung des Energieverbrauchs und eine Entlastung der Umwelt. Um diese Ziele zu erreichen, hat sich der Berliner Senat darüber hinaus entschieden, dem ÖPNV Vorrang einzuräumen. Auf den Berliner Straßen haben deshalb – ganz gewollt und im wortwörtlichen Sinn – Busse und Straßenbahnen vor dem Individualverkehr Vorfahrt.

Bei der Programmierung von Ampeln muss deshalb eine Vielzahl von Wünschen und Anforderungen berücksichtigt werden. So müssen neben den Interessen der Autofahrer die der Fußgänger und Radfahrer oder aber die unterschiedlich starken Verkehrsströme der jeweiligen Tageszeit berücksichtigt werden. Zudem müssen die Experten von Anfang an Sicherheitszeiten zum Leer-Räumen von besonders störanfälligen Straßenknoten einplanen. Das bedeutet, dass vor dem Erreichen eines großen Straßenknotens der Verkehrsfluss durch „Rot“ an einer anderen Ampel zurückgehalten werden muss.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern. Der Knoten Potsdamer Straße/ Clayallee/ Teltower Damm / Berliner Straße in Zehlendorf ist ein sogenannter Leitknoten für das gesamte umliegende Gebiet. Welcher Autofahrer hat hier das „Recht“ auf eine „grüne Welle“? Man kann nur abwägen. Hier wird wegen des Busverkehrs die Clayallee bevorzugt. Das bedeutet für die Autofahrer, die auf der Potsdamer Straße auf diesen Knoten zufahren, sie müssen vorher durch Rot gestoppt werden. Für den Einzelnen sieht es dann so aus, als würde er böswillig an der Martin-Buber-Straße ausgebremst werden.

Wer hat eher Anspruch auf „Grün“ wenn sich Prenzlauer Allee und Mollstraße kreuzen? Oder an der Kreuzung Tempelhofer Damm und Alt-Tempelhof? Hier müssen unsere Verkehrsexperten Prioritäten setzen. So erhalten z. B. die Radialstraßen – häufig sind dies auch Bundesstraßen – bevorzugt Grünphasen. Aber wenn eine Autobahnausfahrt auf eine solche große Radialstraße mündet – wie beim Tempelhofer Damm - muss diese Autobahnausfahrt so schnell wie möglich leerlaufen, damit es keinen Rückstau auf der Autobahn gibt. Daneben muss die Bevorrechtigung von BVG-Bussen eingerechnet werden. Auf den übrigen Hauptverkehrsstraßen, die diese Radialstraße dann kreuzen, denken bei „Rot“ manche Autofahrer sie würden einfach so ausgebremst, ohne dabei zu berücksichtigen, wie komplex die Lenkung von Verkehrsströmen ist.

Mit besten Grüßen

— Ingeborg Junge-Reyer (SPD),

Senatorin für Stadtentwicklung

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