Leserbriefe : Warum wird die Rechtschreibreform nicht rückgängig gemacht?

-

„Spiegel und Bild gemeinsam gegen Rechtschreibreform“ vom 7. August, „Die Sprache lebt, die Regel bebt“ vom 9. August, „Vom ,ss‘ zum ,ß‘“ vom 10. August 2004

Endlich! Endlich haben die großen Verlage den Mut, dieser furchtbaren Rechtschreibreform den Garaus zu machen. Ich persönlich würde es sehr begrüßen, wenn Sie dem folgen und auch zur alten Rechtschreibung zurückkehren.

Es wird nun auch endlich Zeit, dass die so genannte Reform abgeschafft oder besser: nicht verbindlich wird. Natürlich tun mir die Millionen Schüler Leid, die diesen Schwachsinn lernen mussten. Aber trotzdem! Besser jetzt als nie. Die neue Rechtschreibung lässt die deutsche Sprache verarmen. Ich brauche hier keine Beispiele zu nennen, jeder Leser wird sie aus dem täglichen Leseleben kennen. Sinne und Inhalte gehen verloren. Es kann auch nicht sein, dass wir an einer (neuen) Rechtschreibung festhalten, die keiner wirklich will, die nur eingeführt wurde, damit es Schüler leichter haben. Das kann doch nun wirklich nicht unser Ziel sein! Warum schaffen wir dann nicht gleich alle Unterrichtsinhalte ab, damit jeder das Abitur schafft?

Seit zirka einem Jahr befasse ich mich von Berufs wegen mit der neuen Rechtschreibung (als Beamter wird die neue Rechtschreibung für mich ja unter Umständen wenigstens im Dienstlichen verbindlich), und ich bin immer mehr entsetzt über diesen Wirrwarr. Hier eine Ausnahme, und dort zwei Schreibweisen. Ich kann nicht sagen, dass Schreiben jetzt leichter geworden ist. Und Lesen sowieso nicht aus den oben genannten Gründen. Weg mit dieser Rechtschreibanarchie! Es kann auch nicht sein, dass an dieser Reform immer weiter herumgedoktert wird, bis wir endlich irgendwann in ferner Zukunft einen angenehmen Kompromiss gefunden haben. Nein, bitte nicht noch eine Reform der Reform, sondern einfach zurück zum Bewährten. Diesen Mut sollten wir aufbringen.

Markus Brandt, Berlin-Pankow

Sehr geehrter Herr Brandt,

dass es Ihnen Mühe macht umzuschreiben, kann ich verstehen, auch ich habe am Anfang häufig erst beim Durchlesen ein „muß“ in ein „muss“ verwandelt. Hingegen lese ich die alten Texte wie die neuen in derselben Geschwindigkeit und ohne Probleme, sie zu verstehen. Das ist auch einleuchtend, denn wenn man die Änderung von ß in ss einmal weglässt, dann sind auf einer Seite „Tagesspiegel“ im Schnitt ein bis zwei Wörter betroffen. Da gibt es keine Leseerschwernis, die man der neuen Rechtschreibung anlasten könnte. Sie machen Ihrem persönlichen Unbehagen in kräftigen Worten Luft: „Schwachsinn“, „Anarchie“, bezeichnen die neue Rechtschreibung als „Wirrwarr“ und wollen zurück zum „Bewährten“. Seit einigen Tagen wird die alte Rechtschreibung sogar als die klassische bezeichnet. Das aber ist auf jeden Fall falsch, da es nicht die Schreibung von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller ist, noch ist sie vollkommen rein und edel.

Aber hat sich die alte Rechtschreibung wirklich bewährt? Schon Konrad Duden forderte 1901, dass der damals erreichten Einheitlichkeit der Rechtschreibung nun die Einfachheit folgen müsse. Stattdessen nahm die Regelungsdichte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu. Wo soll der Sinn liegen, dass man schreiben soll „Ballettanz“, aber „Balletttruppe“, Adjektive mit Vokal zusammen „seeerfahren“, aber Substantive mit Bindestrich „See-Elefant“? Warum müssen Sie „im Nu“ groß-, aber „im nachhinein“ kleinschreiben? Warum „(auf dem Stuhl) sitzen bleiben“ getrennt, aber bildlich zusammen „(in der Schule) sitzenbleiben“, aber bei „baden gehen“ (nur getrennt) und „liegenbleiben“ (nur zusammen) gilt dies nicht? Warum sollen Sie „Chir-urg“ nach den griechischen Stämmen trennen, aber „Drama-turg“ nicht? Warum überhaupt griechisch trennen, zum Beispiel „Heliko-pter“, wo doch die Silbenfuge zwischen p und t liegt? Die Neuregelung hat Ausnahmeregeln und Ausnahmen abgeschafft. Es ist obendrein für die Lesenden im Textzusammenhang unnötig, die bildliche Verwendung grafisch zu kennzeichnen, z. B. „auf dem trockenen sitzen“, aber konkret „auf dem Trockenen sitzen“.

Es kommt noch hinzu, dass viele den grafischen Unterschied gar nicht kennen, daher auch beim Lesen nicht nützen können. Die neue Rechtschreibung strebt einen gerechteren Interessenausgleich zwischen Schreibenden und Lesenden an; sie schafft Überregulierungen ab, ohne das Lesen zu beeinträchtigen. Ich bitte Sie daher herzlich, sich die Änderungen mit ihren Begründungen in aller Ruhe einmal anzusehen; gerne schicke ich Ihnen dazu den „Sprachreport“ des Instituts für Deutsche Sprache (Mannheim) zu. Es sollte mich wundern, wenn Sie dann nicht die Nachteile der alten und die Vorteile der neuen Rechtschreibung erkennen können.

— Dieter Nerius ist Professor im Ruhestand an der Universität Rostock und Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben