Leserbriefe : Warum wird Jörg Schönbohm der Mund verboten?

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„Schönbohm lehnt Rücktritt ab“ vom 6. August und „Debatten anzetteln“ vom 9. August 2005

Kopfschüttelnd verfolge ich die Diskussion über die Bemerkungen von Jörg Schönbohm zum 9fachen Babymord und die Proletarisierung und Zwangskollektivierung Ostdeutschlands unter dem SED-Regime und muss doch meine Befürchtungen bestätigt sehen, die Deutschen haben die Demokratie noch nicht gelernt! Wo bleibt hier eigentlich die Redefreiheit? Bezeichnenderweise kommt das Gros des Protests aus den ostdeutschen Reihen – sie haben’s wohl erst recht nicht gelernt. Der lautstarke Protest von den Ostdeutschen und aus ehemaligen DDR-Reihen bedeutet für mich nur, dass er wohl auf etwas gestoßen ist. Wo bleibt die objektive Selbstkritik ? Stattdessen wird der Mann in Grund und Boden niederkritisiert und ihm der Mund verboten? Die ganze Sache tangiert die so dürftige Wertediskussion und wird durch die Schärfe der Bemerkungen erst recht öffentlich diskussionsfähig und interessant! Ich würde sagen: Weiter diskutieren – und noch mehr, ... und noch offener diskutieren, ...und aus dem Osten .... und aus dem Westen ... hier muss endlich ehrlich gesprochen werden, um weiter zu kommen.

Als in Amerika die Schülermorde an der Columbine High School sich ereigneten, gab es eine landesweite, öffentliche Moralüberprüfung, ein Sich-selbst-fragen – wie konnte das nur geschehen?. Wo ist dieses verzweifelte, öffentliche „Sich-selbst-Fragen“ hier ? Wird dies genauso verdrängt, wie auch Sabine H. nicht fähig war, sich zu outen mit ihrer Verzweiflung über Ehe und Schwangerschaften ?

Carolyn Clemens-Alevizakis, Berlin-Hermsdorf

Liebe Frau Carolyn Clemens-Alevizakis!

Ich vermute einmal, dass alle die bei dieser Diskussion den Kopf schütteln, trotzdem nicht die gleiche Meinung teilen. Von daher ist Kopfschütteln vertane Kraft. Und da ich freundlich auf Ihren Brief reagieren will, überlese ich auch den Satz –„ sie haben’s wohl erst recht nicht gelernt“.

Natürlich gilt die Rede- und Meinungsfreiheit auch für Jörg Schönbohm. Da ich ihn schon sehr lange kenne und auch um seine christliche Grundeinstellung weiß, nehme ich ihm – im Gegensatz zu vielen seiner Kritiker – die Ernsthaftigkeit seiner Fragestellung ab. Aber: Ich war auch einmal Innenminister. Von daher weiß ich auch um die Unmöglichkeit an Hand eines einzelnen, sehr schweren, in allen seinen Zusammenhängen schwierig zu überschauenden und verstehenden Kriminalfalls eine gesellschaftliche Grundsatzdebatte zu führen. Das hätte Jörg Schönbohm auch wissen können. Ganz abgesehen davon, dass leise und nachdenkliche Töne und Diskussionen in Wahlkampfzeiten immer niedergetrampelt werden. Von daher hat Jörg Schönbohm mit seinen Fragestellungen und seinen sehr, sehr verkürzten Antwortversuchen sich und der notwendigen Diskussion einen „Bärendienst“ erwiesen. Wer als Politiker in dem Zusammenhang eines schrecklichen Verbrechens so globale Aussagen über den „Osten“ tätigt, darf sich über das Ost-Echo nicht wundern. Was nicht bedeutet, dass alle Reaktionen und Antwortversuche aus dem Osten richtiger gewesen wären, als Schönbohms Vermutungen. Denn wer global davon spricht, das es in der DDR wärmer zugegangen sei, dem muss man in aller Deutlichkeit sagen, das es in einem Stall, der nie aufgemacht wird, immer wärmer ist.

Diese Art von Argumentation verhindert eine überfällige Diskussion. Es ist doch gar keine Frage, dass sich in den 40 Jahren Teilung unterschiedliche Meinungen, Mentalitäten und Wertvorstellungen herausgebildet haben. Es ist auch noch gar nicht erforscht worden, welche psychischen Folgeschäden langjährige Diktaturen bei Menschen anrichten. Auch darüber muss gesprochen werden. Wenn Sie eine weiter gehende Diskussion zu diesem Thema fordern, haben Sie mich völlig auf ihrer Seite. Wir müssen eine breite gesellschaftliche Diskussion in Ost und West führen, um zu klären was unsere Gesellschaft im Innersten wirklich zusammenhält. Moralische Beliebigkeit kann es wohl kaum sein. Denn diese wird von sehr einfach strukturierten Menschen, und damit meine ich nicht deren Intelligenzquotienten, als Einfallstor genutzt, um sich auch am Leben zu vergehen. Warum führen wir immer nur Diskussionen um den materiellen Reichtum und nicht um den geistigen? Kein Wunder, dass Sozialhilfe nur noch in Euro berechnet wird. Dass es bei Sozialhilfe auch um eine solidarische, geistige und im besten Sinne des Wortes soziale Hilfe der Gemeinschaft geht, wenn der Einzelne mit seinem Leben nicht mehr klar kommt, scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Das könnte nur der Anfang einer Diskussion sein, der uns im Osten und Westen Deutschlands helfen kann, uns auf das Wesentliche zu besinnen und im Wegschauen bei den Problemen anderer unsere Mitmenschlichkeit nicht abbröckeln zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen aus dem östlichsten Osten, aus dem polnisch-tschechisch-deutschen Dreiländereck

— Heinz Eggert, CDU–Abgeordneter im Sächsischen Landtag, Staatsminister a.D. und Theologe.

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