Leserbriefe : Was bringt uns die Rente mit 70?

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„DIW–Chef: Rente künftig erst mit 70“ vom 11. und „Bis zum bitteren Ende“ vom 15. August 2005

Die Rente erst mit 70 wäre ein Schritt zur Demontage unserer wichtigen Altersversorgungssäule Rentenversicherung. Der Vorschlag geht von vornherein aufgrund der Arbeitsmarktsituation aber völlig an der Sache vorbei. Aufgrund der Fitness vieler Älterer wäre der Vorschlag zwar eine Alternative, länger zu arbeiten, aber die in den Beruf nachdrängenden Jüngeren würden diesen Schritt in der Praxis zumeist von vornherein nicht mit unterstützen, wie praktische Erfahrungen beweisen.

Nils Boettcher, BerlinZehlendorf

Bezugnehmend auf den Vorschlag des DIW-Vorsitzenden Zimmermann möchte ich Folgendes bemerken: Diese unprofessionellen Vorschläge sind dazu angetan, das Konsumklima in Deutschland noch nachhaltiger negativ zu beeinflussen. Es stellt im Kern – lax ausgedrückt – den Vorschlag zum Versicherungsbetrug bzw. der Erbschleicherei dar. Die mathematische Versicherungsformel zur Berechnung der Rente richtet sich nach dem Sterbedatum und das liegt im Durchschnitt z.B. bei den Männern zwischen 72 und 75 Jahren, bei den Frauen um circa drei Jahre darüber.

Das heißt im Klartext: eine Vielzahl von Menschen zahlt während ihres Arbeitslebens zirka 45 Jahre ein und erhält dafür einen Bruchteil ihres Kapitals zurück. Wenn man davon ausgeht, dass circa 20 Prozent des Gehaltes bzw. Lohns für die Rentenversicherung draufgeht, verdient diese Versicherung nicht den Namen Sozialversicherung, sondern Lebensversicherung.

Standesvertreter wie Herr Zimmermann sollten endlich begreifen, dass die Rentenkassen nur durch das Anstreben einer Vollbeschäftigung gefüllt werden können.

Walter Sawanda, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Boettcher,

sehr geehrter Herr Sawanda,

dass die Notwendigkeit einer „Rente mit 70“ Widerspruch erntet, ist nicht überraschend. Zu lange sind die schmerzhaften Zusammenhänge nicht erkannt oder einfach verdrängt worden. Unser Rentensystem ist ein Umlageverfahren. Niemand spart für sich. Die Arbeitenden finanzieren die Rentner und hoffen darauf, später einmal dafür von der nächsten Generation unterstützt zu werden.

Daraus ist eine staatlich organisierte Ausbeutung der jungen Generation geworden. Ohne grundlegende Korrekturen wird unser Rentensystem nicht mehr lange durchhalten können. Also bleiben folgende Alternativen:

(1) eine weitere Beitragssatzsteigerung. Damit würden wir noch mehr wirtschaftliche Dynamik abwürgen und die Flucht aus der regulären Beschäftigung begünstigen. Die Folge wären noch größere Löcher in den Rentenkassen und neuerliche Beitragsanhebungen. Die Politik zaudert bereits bei der Umsetzung der Rürup-Vorschläge, die bei einem nur auf 67 Jahre erhöhten Rentenalter und einer Absenkung des Rentenniveaus nicht ohne Beitragssteigerungen auf 22 Prozent (!) auskommen.

(2) eine deutlichere und unverblümte Absenkung des Rentenniveaus. Das hieße, die jetzt arbeitende Generation noch stärker zu bestrafen, als das ohnehin schon der Fall ist. Denn sie müsste die Anwartschaften der heutigen Rentner weiter bedienen, hätte aber keine Perspektive mehr, eine auch nur ansatzweise den Lebensstandard sichernde gesetzliche Rente zu erhalten.

(3) mehr Wirtschaftswachstum und ein radikaler Abbau der Arbeitslosigkeit. Es ist aber leider ein Irrtum zu glauben, eine alternde Gesellschaft könne immer mehr Wachstum und Produktivität erzeugen. Die Arbeitslosigkeit geht durch das Schrumpfen der Bevölkerung kaum zurück, weil sie überwiegend strukturell bedingt ist. Wachstum allein löst das Problem auch nicht, denn die Renten sind an die Löhne gekoppelt. So führt jede Lohnsteigerung zu Mehrkosten für die Rentenversicherung. Ein Beitragsanstieg kann so nicht verhindert werden.

(4) die Bankrotterklärung des Generationenvertrages und seine Ablösung durch gesetzliche Mindestrenten und private Vorsorge. Alles läuft darauf zu, wenn nachhaltige Reformen weiterhin ausbleiben. Für die jetzt arbeitende Generation wären damit ihre bereits gezahlten Beiträge faktisch verloren, die Ansprüche der Älteren unterliegen aber dem Bestandsschutz. Die Doppelbelastung der Leistungsträger unserer Gesellschaft wäre eklatant.

Aus diesen Gründen plädiere ich für die Rente mit 70 mit einem Zeitkorridor von zehn Jahren. Er gibt uns die Möglichkeit, bei entsprechenden Zu- oder Abschlägen früher oder auch später aus dem Berufsleben auszuscheiden. Dies würde die Lage der Rentenkasse nachhaltig entspannen. Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann, Direktor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit, IZA Bonn, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin

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