Leserbriefe : Was Geschichte ist

„An der Seite der Schwachen“

von Gregor Gysi vom 30. Oktober und

„Und doch: Die DDR war antisemitisch“

von Michael Wolffsohn vom 31. Oktober

Gysi dürfte mit seinem Artikel das Lebensgefühl der meisten Ostdeutschen getroffen haben. Aber das durfte natürlich nicht so stehen bleiben. Als ob es noch eines weiteren Beweises dafür bedurfte, dass die Sicht vom grünen Tisch des Westens allemal beweiskräftiger ist, als das Alltagserleben im anderen deutschen Staat. Wir sollten es einfach aufgeben, gegen das westliche Vorurteil über das Leben in der DDR anzukämpfen. Meißelt es am besten in Stein: „In der DDR war – bis auf die Bürgerrechtler – alles schlecht, einfach alles.“

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

Da hat man geglaubt, der „Schwarze Kanal“ sei unrühmliche Vergangenheit, und nun kann man lesen, wie Gysi wieder einmal die DDR verherrlicht. Zum Glück gibt es noch Kenner der Materie wie Michael Wolffsohn, der die Dinge wieder ins richtige Licht rückt.

Peter Lein, Berlin-Siemensstadt

War die DDR antiisraelisch? Oh nein, Herr Gysi, das war sie genauso wenig wie antisemitisch. Wir waren ja nicht einmal antisüdafrikanisch, wir waren nie gegen irgendwelche Völker und Volksangehörige. Weder das eine noch das andere Wort ist von DDR-Oberen gekommen oder durch die Presse gegangen. Sie war aber erklärtermaßen antizionistisch. „Zionistisch“ war das politische Schimpfwort schlechthin, kam gleich nach faschistisch.

Warum aber nimmt Herr Gysi die gängige DDR-Vokabel „zionistisch“ überhaupt nicht in den Mund, wenn er sich anschickt, uns diesen Komplex erklären zu wollen. Sehr einfach! Weil dies das DDR-Codewort, der Deckmantel war, unter dem sich aller DDR-Antisemitismus wunderbar legitimieren ließ und damit das wunderschöne Plädoyer für die antisemitismusfreie DDR in sich zusammenbräche. Dass sich die alte Bundesrepublik in den ca. zehn bis 20 ersten Nachkriegsjahren gegenüber Israel nicht mit besonders viel Ruhm oder Zivilcourage bekleckert hat, ist ein anderes Kapitel und kann wohl kaum als Entschuldigung für den verschleierten Antisemitismus der DDR herhalten. Entschuldbar ist, dass die DDR aus politischen Opportunitätsgründen freundliche Beziehungen zu vielen arabischen Staaten pflegte, nicht entschuldbar aber, dass sie das antiisraelische Schlachtfeld der Araber vorbehaltlos übernommen und zu ihrem eigenen gemacht hatte.

Viele DDR-Erklärer sind mir ein Gräuel. Gysi gehört nicht immer dazu, aber jetzt hat er sich mindestens bis zu seiner nächsten Einlassung dazugesellt.

Dietrich Koch, Berlin-Buckow

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