Leserbriefe : Was kostet uns die Vogelgrippe?

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„Vogelgrippe: Kontrollen auch in Zügen und Bussen“ vom 19. Oktober 2005

Was mir in der aktuellen Diskussion wirklich fehlt, ist ein Hinweis darauf, dass in Berlin nach dem Berliner Impfvertrag zwischen den Kassen und der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin Impfungen zu Lasten der Krankenkasse nur bei den genannten Indikationsgruppen gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (StIKo) abgerechnet werden dürfen: Menschen über 60 Jahre, mit chronischen Grunderkrankungen oder deutlich erhöhtem Infektionsrisiko. Der „Normalbürger“ muss privat zahlen und kann nur auf Erstattung der Kassen auf Kulanz hoffen, wenn er sich schützen möchte. Es erscheint schizophren, wenn auf der einen Seite immer wieder zur Impfung aufgerufen wird, auf der anderen Seite der Arzt in der Praxis dann diesen Patienten sagen muss: Das müsst ihr selber zahlen.

Vielleicht könnte die aktuelle Situation endlich Anlass für die Krankenkassen sein, gegenüber der KV Berlin zu erklären, die Kosten für die Grippeschutzimpfung für alle Impfwilligen zu übernehmen und so für Patienten und Kassenärzte Rechtssicherheit zu schaffen, wie es in einigen anderen Bundesländern bereits der Fall ist.

Dr. med. Alexander Schöffer,

Kinder- und Jugendarzt, Berlin-Charlottenburg

Sehr geehrter Herr Dr. Schöffer,

Sie haben Recht. Niedergelassene Ärzte dürfen Impfungen nur dann zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen durchführen, wenn diese den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission des Bundes (StIKo) entsprechen. In allen anderen Fällen muss der Patient die Kosten der Impfung selbst tragen. Die saisonale Grippeschutzimpfung wird derzeit nur für die von Ihnen genannten Risikogruppen empfohlen. Die übrigen Impfwilligen müssen circa 34 Euro zahlen. Das ist für viele ein Problem. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um eine mögliche Pandemie durch ein modifiziertes Vogelgrippevirus ist es wünschenswert, dass die StiKo ihre Empfehlungen überdenkt. Ich gehe davon aus, dass dies auch in kürzester Zeit geschieht. Sollte es dann – zum Beispiel für das nächste Jahr – eine Empfehlung zur Grippeimpfung für die gesamte Bevölkerung geben, sind die Produzenten gehalten, entsprechende Produktionskapazitäten zu schaffen.

Gegen eine Vogelgrippe-Pandemie unter Menschen, mit der wir nach Expertenmeinung in den kommenden Jahren zu rechnen haben, gibt es noch keinen Impfstoff. Er kann erst dann entwickelt werden, wenn es diesen neuen Erreger gibt. Sollte es zu einer solchen Pandemie kommen, sind für Ärzte ohne zusätzliche Laborbefunde die Symptome kaum von einer normalen saisonalen Grippe zu unterscheiden. Bei gegen die saisonale Grippe geimpften Menschen könnte dann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Vogelgrippe ausgegangen werden. Bei allen nicht Geimpften bliebe offen, ob die Symptome nicht doch nur die Folge einer „normalen“ Grippeinfektion sind.

In diesem Fall muss der Patient in einem Krankenhaus isoliert werden und die weitere Behandlung je nach Krankheitsentwicklung ärztlich entschieden werden. Die so genannten antiviralen Medikamente haben dabei nur eine nachrangige Bedeutung, da sie vermutlich die Krankheitssymptome zwar lindern können, aber bei einer gefährlichen Entwicklung des Krankheitsverlaufs unzureichend wirksam sind. Trotzdem hat Berlin für Risikopatienten und Infrastruktur-Personal vorsorglich 245000 Dosen antiviraler Medikamente für die Therapie im Erkrankungsfall geordert. Vorrang muss jedoch die Prophylaxe haben.

Für die Entwicklung des erforderlichen Impfstoffs gegen eine für den Menschen gefährliche Vogelgrippe hat die Bundesregierung jetzt die Verantwortung übernommen und angekündigt, dies finanziell zu fördern. Die konkrete Impfstoffproduktion könnte dann nach Erkennen des Erregers innerhalb von 4 bis 5 Monaten in ausreichenden Mengen erfolgen und würde staatlich finanziert. Um die Pandemie einzuschränken, müssen dann bevölkerungsweit Impfungen durchgeführt werden. Dies ist eine klassische Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Aufgabe der Krankenkassen ist die Bezahlung aller Leistungen, die mit der Behandlung erkrankter Menschen zusammenhängen. Auch für die jetzt von den Bundesländern durchgeführte und durch sie finanzierte Bevorratung mit antiviralen Mitteln gilt, dass bei ihrem Einsatz bei erkrankten Menschen die Kosten der Arzneimittel den Krankenkassen in Rechnung zu stellen sind. Für den Bürger und die Bürgerin entstehen keine Kosten, die mit diesen Schutz- und Behandlungsmaßnahmen in irgendeinem Zusammenhang stehen könnten.

Ich möchte aber in diesem Zusammenhang nochmals betonen, dass die gegenwärtig sich verbreitende Vogelgrippe eine Tierseuche ist. Menschen wären nur dann gefährdet, wenn sie intensiven Kontakt zu erkrankten Tieren hätten. Zu Panik oder Verunsicherung besteht deshalb derzeit kein Anlass.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Heidi Knake-Werner (PDS),

Senatorin für Gesundheit,

Soziales und Verbraucherschutz in Berlin

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