Leserbriefe : Was macht die schwedische Familienpolitik erfolgreich?

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Zur Berichterstattung über Familienpolitik

Die Kinderfreundlichkeit in anderen EU-Staaten, in denen Kinder öffentlich betreut werden, ist viel höher als in Deutschland. Kinder sind in Deutschland nicht willkommen. Weder wird in Bildung investiert noch darin, dass jedes Kind auf gleichem Niveau gefördert wird.

Thirza Wunderlich, Berlin-Kreuzberg

Deutschland hat eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit, wir haben ein ernsthaftes Demokratieproblem und außer Gerede passiert letztlich nichts. Die ganze Diskussion um Familienpolitik dreht sich meines Erachtens nun schon seit Wochen, wenn nicht Monaten im Kreis. Schon häufiger gab es in den Medien den Hinweis, dass die skandinavischen Länder in dem Bereich vorbildliche Arbeit leisten, aber wirklich aufgegriffen wird das scheinbar nicht.

In den meisten OECD-Studien der letzten Jahre zu dem Thema sind die Skandinavier im Vorderfeld zu finden. Gemessen an den zur Verfügung gestellten staatlichen Finanzmitteln haben Familienpolitik und vor allem die staatlichen Leistungen zur finanziellen Absicherung von häuslicher und außerhäuslicher Betreuungszeit in Skandinavien einen sehr viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Das Elterngeld zum Beispiel liegt in praktisch allen nordischen Staaten bei ca. 80 Prozent des letzten Einkommens. Auch bei der Bildung hat sich letztlich in Deutschland seit Pisa nicht viel getan. Gesellschaften mit erfolgreichen Bildungssystemen wie denen der skandinavischen Länder gehört die Zukunft, weil sie sich auf die Herausforderungen der Weltwirtschaft einstellen. Das deutsche Bildungssystem dagegen hängt immer noch hinterher. Also: Die deutsche Politik muss endlich etwas tun, nicht immer nur reden.

Michael Meister, Berlin-Friedenau

Sehr geehrte Frau Wunderlich,

Sehr geehrter Herr Meister,

als Minister für Gesundheit und soziale Angelegenheiten bin ich auch für die ökonomischen Aspekte der Familienpolitik in Schweden zuständig. Dass Deutschland in der Debatte darüber, wie der demografischen Entwicklung in Europa begegnet werden kann, die Familienpolitik als wichtiges Thema aufgreift, kann ich nur begrüßen.

Die Frage der Geburtenzahlen ist meines Erachtens vor allem eine Frage des Wohlstands und der Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Dabei geht es um Chancen für junge Frauen und Männer, ihre Träume von Kindern und Familie zu verwirklichen. Gleichzeitig haben die Geburtenzahlen aber auch große Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung. Liegen sie über einen längeren Zeitraum auf niedrigem Niveau, müssen weniger Personen eine alternde Bevölkerung versorgen. Und weil wir immer gesünder und länger leben und gleichzeitig weniger Kinder zur Welt bringen, wird Europa die Auswirkungen der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten deutlich zu spüren bekommen. Aus einer breiten Gesellschaftsperspektive heraus betrachtet, handelt es sich bei den Geburtenzahlen deshalb um eine wichtige Wohlstandsfrage. Und hier spielt die Familienpolitik eine große Rolle.

Generell höher sind die Geburtenzahlen in Ländern, in denen Elternschaft und Erwerbstätigkeit miteinander verbunden werden können, wie beispielsweise in Schweden und Irland. In den Ländern Europas, in denen sich Frauen oftmals zwischen Kindern und Beruf entscheiden müssen, werden heute wenig Kinder geboren. Die Wahl des Wohlfahrtsmodells sagt etwas darüber aus, welche Bedeutung der Möglichkeit für Frauen und Männer beigemessen wird, Arbeit und Familie gut zu vereinbaren, und wie die Voraussetzungen für die Schaffung von mehr Gleichstellung im Zusammenhang mit der Familienbildung aussehen. Schweden verfügt diesbezüglich im Bereich der Familienpolitik über eine vorteilhafte wohlfahrtspolitische Mischung: einen vergleichsweise hohen Beschäftigungsgrad, ein großzügiges Elterngeld und eine gut ausgebaute Kinderbetreuung.

Selbstverständlich entscheidet jede Frau und jeder Mann selbst, ob und wann sie Kinder haben möchten. Aber der Staat ist für die Schaffung der notwendigen Voraussetzungen verantwortlich. Verglichen mit anderen Ländern unterstützt die schwedische Familienpolitik Familien mit Kindern sehr umfassend und wirkt sich dadurch auch positiv auf die materiellen Voraussetzungen für eine Familiengründung aus. Eine Familienpolitik, die fördert und zudem eine Kinderperspektive beinhaltet sowie eine gut entwickelte Gleichstellungspolitik sind grundlegende Faktoren, die Geborgenheit und Wohlbefinden von Familien – sowohl sozial als auch finanziell – unterstützen. Junge Paare wagen den „großen Schritt“ und gründen eine Familie, sich dessen gewiss, dass Geld, Arbeit und Familie unter einen Hut gebracht werden können. Zusammen mit einem vergleichsweise hohen Beschäftigungsgrad schafft dies günstige Voraussetzungen für höhere Geburtenzahlen.

Für mich umfasst eine familienfreundliche Politik nicht nur verschiedene Formen finanzieller Leistungen für Familien mit Kindern, wie Elterngeld, Kindergeld, Wohngeld und die Förderung von Kindern mit Behinderungen, sondern auch eine gut funktionierende Gesundheitsbetreuung von Mutter und Kind, Schule und Kinderbetreuung von hoher Qualität und ein kinderfreundliches Erwerbsleben mit Anstellungsschutz, Schutz von Schwangeren auf dem Arbeitsmarkt und dem Recht auf Inanspruchnahme der Elternzeit.

Die schwedische Regierung möchte die Familienpolitik so entwickeln, dass Familien mehr Wahlfreiheit und Macht erhalten, über ihre Lebenssituation selbst zu bestimmen. Die Möglichkeiten für Familien, auch in der Praxis eigene Entscheidungen darüber zu treffen, wie ihre Kinder in den ersten wichtigen Jahren ihres Lebens betreut werden sollen, müssen verbessert werden. Wir verfolgen mit Interesse die Entwicklung auf diesem Gebiet in Deutschland.

Mit freundlichen Grüßen

— Göran Hägglund, Vorsitzender der Schwedischen Christlich-Demokratischen Partei und Minister für Gesundheit und soziale Angelegenheiten

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