Leserbriefe : Was macht es so schwierig, einen Atommüllendlagerstandort zu finden?

„In Lager gespalten / Die Internationale Atomenergiebehörde sieht ein weltweit stark gestiegenes Interesse an Kernkraft. Doch die Entsorgung ist nicht nur in Deutschland schwierig. Wie gehen andere Länder dabei vor?“ vom 23. September

Ein sehr guter Artikel, der zeigt, dass anderswo in der Welt das Thema Atommüllendlager nicht so hochgekocht wird wie in Deutschland. Hier spaltet sich die Bevölkerung sofort in die Lager Pro und Contra auf, wenn auch nur das Stichwort Atomstrom fällt. Dass mit Finnland, Frankreich. Großbritannien, Schweden und Italien wirtschaftsstarke Mitglieder der EU einen Wiedereinstieg in die Atomkraft angekündigt haben, sollte die Befürworter eines Atomausstiegs stutzig machen - dort scheint man nicht zu glauben, dass eine sichere Versorgung mit Energie in der Zukunft ohne Atomstrom möglich ist. Ich denke, die Hauptaufgabe der Atomkraftwerksbetreiber und der gesamten Politik ist es, objektiv über Vor- und Nachteile von Atomstrom zu informieren, nur dann kann die Suche nach einem Endlager in Deutschland schnell erfolgreich sein. Und die Zeit drängt - schließlich muss demnächst entschieden werden, ob der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland bestehen bleibt.

Ohne Endlager jedenfalls wird ein Ausstieg aus dem Ausstieg - bei allen Vorteilen die er meines Erachtens hätte - der Bevölkerung nur schwer zu vermitteln sein, zumal ich nicht glaube, dass ein anderes Land bereit wäre, uns unseren Atommüll abzunehmen. Grundvoraussetzung dafür ist in jedem Fall, dass die ideologischen Schranken eingerissen werden. Wenn an jedem auch nur ins Gespräch gebrachten Standort sofort die Akw-Gegner aufmarschieren und die in der entsprechenden Gemeinde verantwortlichen Politiker unter Druck setzen, wird es auch weiterhin nichts mit einem Endlager in Deutschland werden. Die geologischen Voraussetzungen für ein solches Lager scheinen ja an mehreren Orten im Grundsatz vorhanden zu sein, deshalb verstehe ich nicht, warum solche Standorte nicht längst auf ihre tatsächliche Tauglichkeit für ein Atommüllendlager hin untersucht worden sind.

Peter Hartmann, Berlin-Steglitz

Sehr geehrter Herr Hartmann,

Deutschland ist in der Pflicht, sich der Entsorgung der radioaktiven Abfälle zu stellen, nachdem wir über Jahrzehnte die Kernenergie zur Stromerzeugung genutzt haben. Gesetzlich zuständig für die sichere Endlagerung dieser gefährlichen Abfälle ist in Deutschland das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).

Für die voraussichtlich 270 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfälle steht ab 2014 der Schacht Konrad im niedersächsischen Salzgitter zur Verfügung. Anders sieht es bei den hochradioaktiven Abfällen aus. Ihre Menge ist zwar deutlich geringer, aber sie enthalten 99 Prozent der endzulagernden Radioaktivität. Für diese hochradioaktiven Abfälle gibt es bislang kein Endlager – weder in Deutschland noch weltweit. Die Endlagersuche in Deutschland wird insbesondere dadurch erschwert, dass der dafür vorgesehene Salzstock in Gorleben vor Jahrzehnten in einem umstrittenen Verfahren ausgewählt wurde.

Nicht nachvollziehbare politische Entscheidungen sowie Intransparenz in der fachlichen Bewertung zählen zu den Geburtsfehlern von Gorleben und fördern den Zweifel, ob eine sichere Endlagerung überhaupt möglich ist. Selbst wenn sich Gorleben als geologisch geeignet erweisen sollte, besteht das Risiko, dass der Standort an juristischen Hürden scheitert. Einfach deshalb, weil er nicht nach einem Auswahlverfahren bestimmt wurde, das auch internationalen Standards entspricht. Nicht leichter wird die Lösung der Endlagerfrage mit der geplanten Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken, weil damit die Abfallmengen nicht mehr begrenzt sind. Es könnte also passieren, dass Deutschland in 20 bis 30 Jahren noch immer ohne geeignetes Endlager dasteht.

Daran kann aber niemand ein Interesse haben. Bei einer weiteren Erkundung in Gorleben und /oder einer parallelen Standortsuche ist es geboten, in einem transparenten und fairen Verfahren sowohl die Bevölkerung zu beteiligen, als auch die gesamte Breite des fachlichen Sachverstandes einzubeziehen. Darüber hinaus muss gewährleistet werden, dass nicht die Abfallverursacher bzw. Abfallbesitzer bestimmen können, wo und in welcher Form die Endlagerung erfolgen soll. Das ist die Lehre aus den Fehlern der Vergangenheit, vor allem die Lehre aus der Asse.

Meine Aufgabe als BfS-Präsident ist es, für die sichere Endlagerung in Deutschland zu sorgen. Deshalb werbe ich für einen parteiübergreifenden Endlagerkonsens, der auch über Legislaturperioden hinaus Bestand hat. Die Fachleute brauchen über Wahlen hinaus Planungssicherheit. Entscheiden muss in dieser gesellschaftlich hoch umstrittenen Frage aber letztlich die Politik.

Ich erwarte von der neuen Bundesregierung, die Entsorgung der hochradioaktiven Abfälle nicht weiter auf die lange Bank zu schieben, sondern beherzt anzupacken. Denn eine Lösung darf es nicht geben: Die Verantwortung für die Entsorgung der in Deutschland erzeugten Abfälle weiter in die Zukunft zu verlagern oder in andere Länder abzuschieben. Denn dann bestimmen andere, wie sicher die radioaktiven Abfälle gelagert werden. Und es ist nicht garantiert, dass deren Standards unseren Anforderungen genügen.

Mit freundlichen Grüßen

—Wolfram König, Präsident

des Bundesamtes für Strahlenschutz

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