Leserbriefe : Weizsäcker: Schlöndorff dient der Oper

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„Götter, Gräber und Gelenke“

vom 21. Februar 2004

Verspätet melde ich mich zur Aufführung von Janáceks Oper „Aus einem Totenhaus“ in der Deutschen Oper und zur Kritik, die diese Inszenierung im Tagesspiegel durch Jörg Königsdorf gefunden hat. Er ist ein Fachmann. Jede freie und scharfe Kritik steht ihm selbstverständlich zu. Aber Opern werden ja für das Publikum inszeniert, zu dem ich mich als Opernliebhaber und Laie zähle.

Des Rezensenten ganzer Groll gilt der Regie von Volker Schlöndorff. Mein Eindruck von der Aufführung legt mir das Gegenteil nahe, zunächst deshalb, weil primär der Komponist über die Oper entscheidet, erst danach die Regie. Dies gilt ganz besonders für Janácek, der uns in diesem tief bewegenden Musiktheater mit seiner Komposition und seinem Libretto Dostojewski wahrhaft dramatisch nahe bringt. Schlöndorff hört auf das große kompositorische Werk. Er folgt und dient ihm. Eben damit lässt er die monologische Trostlosigkeit der Menschen mit ihrem Schicksal unentrinnbar auf uns wirken, anstatt sich selbst ständig in Szene zu setzen. Welche wohltuende, gar nicht so häufige Erfahrung, dass hier ein Regisseur seinen Teil zum Ganzen beiträgt, anstatt sich die Oper zur Beute zu machen.

Warum wirft Jörg Königsdorf Volker Schlöndorff auch noch vor, sich nach einer eigenen früheren Regiearbeit derselben Oper zu orientieren? Vielleicht war sie doch schon damals gut. Und warum zum Schluss der Rezension rasch noch eine Breitseite gegen die Deutsche Oper? Leicht hat sie es ganz gewiss nicht. Mit Janáceks „Aus dem Totenhaus“ hat sie die Zuhörer wahrhaft bewegt nach Hause entlassen.

Richard von Weizsäcker, Berlin-Mitte

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