Leserbriefe : Welche Werte zählen noch in Deutschland?

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Foto: promo

„Opposition will mehr Geld für Bildung“

vom 15. Dezember

Werte wie Toleranz, Gerechtigkeit, Respekt, Fairness und Liebe waren bisher die Basis unseres Zusammenlebens. Diese Basis ist aber gefährdet, weil immer mehr Kindern und Jugendlichen von armen Familien diese Werte nicht mehr vermittelt werden. Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen wird heutzutage der Normalfall. Im Beruf, wo anscheinend die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust die Kollegen entsolidarisiert, wo viele nur noch ihren persönlichen Vorteil sehen und versuchen, ohne Rücksicht auf Verluste voranzukommen, genauso wie im familiären Umfeld, wo die pflegebedürftige Oma immer häufiger ins Heim abgeschoben wird statt dass die Familie sich um sie kümmert. Oder fahren Sie doch einmal mit der U-Bahn: Wann haben Sie das letzte Mal jemanden – vielleicht sogar einen Jugendlichen – gesehen, der einem älteren oder gehbehinderten Menschen seinen Sitzplatz anbietet? Ich kann mich an ein solches Bild kaum noch erinnern … Und welches Kind kennt denn heute noch den christlichen Ursprung der hohen Feiertage? Die Wertevermittlung beginnt im Elternhaus. Schule, Freunde, religiöse Gemeinschaften und andere nehmen Einfluss auf die Entwicklung von Wertvorstellungen der jungen Menschen. Wertevermittlung erfolgt nicht durch Institutionen, d. h. auch nicht durch Kirchen und Kindergärten, sondern durch Menschen. Kinder orientieren sich am Vorbild derjenigen, mit denen sie zusammenleben, vor allem an ihren Eltern. Bei denen schauen sie ab, wie sie ihre Werte leben, wie sie zum Beispiel mit Kritik und Lob oder mit Vergeben und Belohnen umgehen. Wenn den Kindern und Jugendlichen gerade armer Eltern keine Werte vorgelebt werden, wie sollen sie ihnen dann vermittelt werden? Der einzige Wert, der in diesem Land noch etwas zu zählen scheint, ist der des Geldes. Dem Gott Mammon wird alles untergeordnet. Wenn unsere reiche Gesellschaft einen immer größer werdenden Teil ihrer Kinder in Armut aufwachsen lässt, nimmt sie ihnen die Chance, Werte zu erlernen und Wertschätzung zu erfahren. Die Folgen werden uns irgendwann teuer zu stehen kommen.

Rainer Sielaff, Berlin-Charlottenburg

Sehr geehrter Herr Sielaff,

Ihre Zuschrift ist für mich ein Rätsel. Alles was Sie in den ersten 20 Zeilen schreiben, spricht mir aus dem Herzen. Ich habe die gleichen Sehnsüchte wie Sie, was das Zusammenleben und die Werte, die es prägen, anlangt. Auch Ihr Urteil, woher die Orientierung kommt, teile ich uneingeschränkt, ebenso wie die Reihenfolge und die Betonung, die Sie so feinfühlig beschreiben.

Aber an einer Stelle stutze ich: Sie formulieren, dass gerade in armen Familien Kindern und Jugendlichen keine Werte vorgelebt und damit vermittelt werden.

Ja, das kommt vor. Aber genau so häufig kommt diese Verwahrlosung in Familien aus anderen Einkommens- und Vermögensverhältnissen vor. Und ich habe das Glück gehabt, in einer sehr armen, kinderreichen Familie aufgewachsen zu sein. Meine Mutter hat uns Gottvertrauen, unser Vater Selbstvertrauen, Pflichtgefühl und Selbstverantwortung vermittelt. Mein Vater hat in seinem Leben nie Urlaub gehabt, nie ein Eigenheim besessen, auch kein Geldvermögen, aber er hat seine Kinder alle ermutigt, ihr Studium ernst zu nehmen und erfolgreich zu beenden.

Das Glück der Kinder ist nicht über Umverteilung zu sichern, die jedem das Fashion-T-Shirt, den Auslandsurlaub und ein Handy ermöglicht. Worauf es ankommt, ist Teilhabe an Bildung und familiärer Treue. Beispielsweise wäre es gut, wenn in unserer Gesellschaft Eltern am Elternabend ihrer Klasse verabreden, dass Geburtstagsgeschenke nicht über einen bestimmten Betrag kosten sollten, damit Kinder von Eltern aus weniger gut verdienenden Familien weiterhin die Geburtstagseinladungen annehmen könnten.

Und es wäre gut, wenn Klassenfahrten öfter in einem einfachen Jugendhaus stattfinden, damit die Unterbringungskosten nicht die Kinder ärmerer Familien als Bittsteller erscheinen lassen. Ein Lagerfeuer in Bayrischen Wald kann ebenso viel Bildung bewirken wie die Kulturreise nach Madrid.

Mehr Geld für Bildung ist nicht alles. Und arme Eltern können für die Bildung ihrer Kinder und die Kinder von reicheren Eltern unglaublich Großes leisten.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Norbert Walter,

Mitglied im Zentralkomitee

der deutschen Katholiken (ZdK) und scheidender

Chefvolkswirt der Deutschen Bank

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