Leserbriefe : Weltkultur als Erbe

„Auf einer Stufe mit den Pyramiden“

von Christian van Lessen vom 8. Juli

Viel ist in den letzten Tagen über die Baugeschichte und das Konzept einer Ästhetik des neuen Bauens in er Weimarer Republik geschrieben worden, dem der soziale Gedanke zu Grunde lag, ärmeren Bevölkerungsschichten mehr Wohnqualität zu schaffen. Ein bitterer Beigeschmack bleibt allerdings bei dem Gedanken, wie sich die überwiegend in Händen von Finanzinvestoren befindlichen Siedlungen heute darstellen.

Die börsennotierte „Deutsche Wohnen“ besitzt derzeit drei der ausgezeichneten Siedlungen und zusätzlich noch die denkmalgeschützte Zehlendorfer Onkel-Tom-Siedlung, ebenfalls von Bruno Taut mit gleicher Zielsetzung erbaut. Längst ist nach vollzogener Privatisierung das bis in die 90er Jahre erfolgreiche soziale Konzept, das eine starke Identifizierung der Mieter mit ihrem Wohnumfeld förderte, einem rein Profitorientierten Denken wechselnder Immobilienhändler gewichen mit geringer Bereitschaft zu wirksamen Instandhaltungsmaßnahmen. Aus Erfahrung in der Onkel-Tom-Siedlung kann ich berichten, dass gegen die Interessen der Bewohner stattfindende „Modernisierungen“ mehr als ein Viertel der alten Mieter bereits vertrieben haben. In den anderen Siedlungen dürften ähnliche Erfahrungen vorliegen. In der Selbstdarstellung „Deutsche Wohnen“ im Internet kann man Folgendes lesen: „Mieterlösoptimierung und die daraus resultierende Wertsteigerung im Portfolio sind bei allen Aktivitäten ständige Leitgedanken von Management und Mitarbeitern.“ So ist hier ein gelungenes Wohnkonzept der 20er Jahre zerstört und zur Sozialutopie degradiert worden.

Dafür ausgezeichnet zu werden, ist nicht unbedingt rühmenswert angesichts der zunehmenden Mieten- und Wohngeldproblematik verbunden mit sozialer Segregation. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sieht das in ihrer Meldung zum Weltkulturerbe ganz locker: „Heute nimmt ein zweiter Wandel Form an. Die öffentliche Hand zieht sich aus dem Wohnungsbau zurück und privatisiert die Wohnungen an Mieter und Investoren. Und wieder werden die Siedlungen zum Modell, das zeigt, wie sich der Erhalt dieser emblematischen Baudenkmale mit zeitgemäßen Anforderungen an Ausstattung und Komfort in Einklang bringen lässt.“

70 Jahre nach Bruno Tauts Tod werden damit auch seine Ideen endgültig zu Grabe getragen und die Weltkultur als Erbe eingesetzt.

Barbara v. Boroviczény,

Berlin-Zehlendorf

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