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Leserbriefe : Wenn der Metal-Fan Mahler hört

14.03.2010 00:00 Uhr

„Musikunterricht muss sein!“ von Christine Lemke-Matwey vom 11.März

Der Autorin ist – gleichermaßen wie den Berliner Dirigenten und Intendanten – zuzustimmen, wenn sie sich gegen den Abbau des Musikunterrichts an öffentlichen Schulen ausspricht. Die Frage ist aber, welche Aufgabe und Inhalte dieser Unterricht haben soll. Lemke-Matwey scheint für eine Art von Vermittlung des Kanons zu plädieren – Musikunterricht alter Schule, wie auch ich ihn an einem Berliner Gymnasium „genossen“ habe. Dieser Kanon ist der Kanon der sogenannten klassischen Musik, also der Musik europäischer und europäisch geprägter Eliten. Sie begründet dies mit dem Vorurteil, diese Musik „mit ihren komplexen Strukturen“ würde den Menschen in seiner Ganzheit ansprechen.

Leider fehlt für die Begründung jegliches ernst zu nehmendes Forschungsergebnis, es handelt sich vielmehr um Hochkulturchauvinismus. Dass Musik sich positiv auf die Entwicklung auswirken kann, soll hier nicht bestritten werden. Deshalb sollte auch jedem Kind die Möglichkeit gegeben werden, nicht nur passiv Musik zu rezipieren, sondern ein Musikinstrument zu erlernen. Die Schüler sollten aber auch mit Musiken konfrontiert werden, die sie selber nicht hören – sei es nun sogenannte klassische Musik, sei es europäisch-nordamerikanische Popularmusik, egal ob Berliner Pornorap oder die Beatles, ein klassisches Gesangsgenre aus Indien oder Popularmusik aus Simbabwe. Ziel des Musikunterrichts sollte sein, die Schüler zu einem reflektierten Kultur- und Werterelativismus in der Musik hinzuführen. Verständnis für die Kultur und die Wertungen anderer Menschen zu haben wie die Fähigkeit, eigene Werte zu reflektieren und zu verbalisieren, sind essenziell, um an einem friedlichen Diskurs in unserer Gesellschaft teilzunehmen. Offensichtlich ist auch, dass die gegenwärtige musikpädagogische Ausbildung die Lehramtskandidaten alleine lässt. Wenn z. B. die NPD ihre Schulhof-CDs verteilt, sollten die Musiklehrer diese Musik in ihrem Unterricht thematisieren. Dazu muss aber nicht nur die Kompetenz vorhanden sein, sich mit dieser Musik kritisch auseinanderzusetzen, sondern auch die einem rechtsextremen Schüler überzeugend argumentativ begegnen zu können. Das ist aber beides nicht Teil des Lehramtscurriculums. Sollte ein Musikunterricht, wie hier skizziert, den Effekt haben, dass ein Metal-Fan auch Mahler hört, der klassische Pianist mexikanische Marimbamusik für sich entdeckt oder dem Pornoraphörer die immergleiche pubertäre Provokation zu langweilig wird, ist das umso wünschenswerter. Malik Sharif B.A., Graz

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