Leserbriefe : Werteunterricht: Wowereit sollte sich nicht zum Bischof machen

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„Berlins SPD will Wertekunde als Pflichtfach“ vom 10. April 2005

Sollte die faktische Abschaffung des Religionsunterrichtes in Berlin Gesetzeskraft erlangen, was ich nicht hoffe, erwäge ich, die Stadt nach 55 Jahren zu verlassen. Ich möchte mir weitere Zwangsbeglückungen aus der sozialistischen Mottenkiste ersparen. An dieser Republikflucht werde ich Gott sei Dank nicht mehr von Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl gehindert.

Wolfram Müller, BerlinZehlendorf

Ich verstehe die ganze Berichterstattung und Aufregung um den Werteunterricht, der zum Schuljahr 2006 ab Klasse 7 eingeführt werden soll, nicht. In meiner Schulzeit war es schon üblich, sich spätestens nach der Konfirmation zum Religionsunterricht anzumelden. Es saßen dann in den oberen Klassen höchsten fünf oder sechs Schüler im Unterricht, die anderen hatten eine Freistunde. Schließlich war der Religionsunterricht in Berlin immer freiwillig und konnte abgewählt werden!

Ich finde, Religionsunterricht gehört in die Hände der Eltern und der Kirche, allgemeine Wertevermittlung ist Aufgabe der Eltern und der Schulen.

Annelies Heine, Berlin-Friedenau

Die Entscheidung der linken SPD-Fraktionsmitglieder zum Pflichtfach Wertekunde ist wieder mal ein Beispiel für verlogene Argumentation. Während die Befürworter, vor allem Klaus Wowereit, davon reden, den Kirchen die Hand entgegenzustrecken, den Religionsunterricht nicht aus der Schule zu verbannen, bedeutet die Entscheidung, dass fast alle Schüler dem Religionsunterricht fernbleiben werden. Da Wertekunde während der normalen Unterrichtszeit als Pflichtfach eingeführt werden soll, muss der Religionsunterricht meist am Nachmittag freiwillig besucht werden. Was das für Konsequenzen hat, wissen auch die SPD–Linken. Die Freiheit zur Wahl einer werteorientierten schulischen Erziehung wird durch diese Entscheidung in einem unerträglichen Maße eingeschränkt.

Dr. Hans H. Puxbaumer, Vorsitzender der Gesamt-Elternvertretung des Beethoven-Gymnasiums, Berlin-Lankwitz

Ich freue mich schon auf den Werteunterricht. Vielleicht kann dann die SPD/PDS unseren Schülern vermitteln, warum man nicht vor der Schule, aber vor seiner Haustür kiffen darf. Und wenn es dann meine Kinder verstanden haben, können sie es ja mir erklären.

Marion Graefen , Berlin-Marienfelde

Unsere moralischen und ethischen Grundlagen werden in einen staatlich verordneten Gemischtwarenladen gezwungen. Wie soll in dieser Vielfalt noch Profil entstehen? Dieser Beschluss ist für die Zukunft Berlins desolat, weil er die bisherige religiöse Lethargie noch enorm weiter verstärken wird. Er ist darüber hinaus katastrophal, weil er dieser Stadt eine Perspektive für die Zukunft nimmt, die darin begründet ist, dass sich junge Menschen mit ihrem Glauben auseinander setzen und als zukünftige Bürgerinnen und Bürger überzeugend in die Gesellschaft einbringen können.

Berlin wird weiter verarmen: geistig, geistlich, christlich, sozial.

Horst Steinhilber, Berlin-Wilmersdorf

„Der Papst und die Piefkes“

vom 9. April 2005

Gibt es einen interkulturellen und relativierenden Weltanschauungs-, Werte- oder Religionsunterricht? Die Antwort ist nein. Dies wäre so, als wollte man statt Deutschunterricht eine „intersprachliche“ Erziehung anbieten. Ebenso wie Menschen bzw. ihr Sprachzentrum zwischen dem dritten und fünfzehnten Lebensjahr unwiderruflich ihre Muttersprache lernen, so eignet sich der Mensch in demselben Alter auch eine Weltanschauung und damit auch seine Kultur an, allerdings in komplexeren kognitiv-emotionalen cerebralen Strukturen.

Es ist verstehbar, dass speziell Sozialisten und Kommunisten, die bis vor kurzem nicht gerade durch weltanschauliche Toleranz aufgefallen sind, die Idee eines relativierenden „pluralistischen“ Werteunterrichts faszinierend finden, da sie selbst in einer engen sozialistischen Weltanschauung bzw. „Religion“ aufgewachsen sind, die nicht nur gescheitert, sondern weltweit mit schlimmen Verbrechen verbunden ist.

Die Konsequenz kann aber nicht lauten, nun einen relativierenden, d.h. werteemotional neutralen Ethikunterricht zu propagieren. Die Grundidee des Sozialismus oder Kommunismus oder ähnlicher Systeme war durchaus diskussionswürdig. Der Fehler des Kommunismus, des Nationalsozialismus oder anderer ähnlicher Systeme war und ist jedoch, dass der jeweilige Potentat zugleich als Bischof aufgetreten ist. Es war übrigens historisch auch oft nicht gut, wenn Bischöfe zugleich Potentaten waren.

Insofern ist es dann doch wieder ein typisch sozialistischer Denkfehler zu glauben, der Werteanalphabetismus unseres Landes sei dadurch zu beheben, dass der Werteunterricht dem Staat übertragen wird und durch den regierenden Bürgermeister erfolgt.

Prof. Dr. Michael Linden, Berlin-Lichterfelde

Ich habe mit großem Interesse Ihre Berichterstattung über die Beisetzung des Papstes gelesen.

Besondere Erwähnung dabei für den Leitartikel von Bernd Ulrich – glänzend geschrieben und argumentiert und voll die „Senats-Piefkes“ getroffen!

Chapeau! Journalismus gepaart mit klarem Standpunkt und wohl auch ein wenig Mannesmut! Der Tagesspiegel und seine Leser haben einmal mehr erfahren, wie Journalismus heute auch sein kann!

Norbert Bieneck, Bad Neuenahr

Kleinkarierte Piefkes gegen weltoffenes Papsttum? Der zukünftige Werteunterricht sollte die Gleichberechtigung von Frau und Mann in allen Lebensbereichen vermitteln. Diesen Verfassungsgrundsatz sollte das Land Berlin nicht nur in Hinblick auf Kopftuch und „Ehrenmorde“ mit allem Nachdruck vertreten – sondern generell gegenüber allen Religionen, die ein mittelalterliches Frauenbild propagieren. Kirchen, die in ihrem Führungspersonal im Himmel und auf Erden Frauen dezidiert ausschließen und dienende Rollen zuweisen, können unseren Kindern diesen zentralen Artikel unseres Grundgesetzes nicht glaubwürdig erklären.

Sollten wir in ein paar Wochen eine Päpstin haben, lasse ich mich gerne in Piefke umbenennen, ansonsten sollte es Bernd Ulrich tun.

Gerhard Hafner, Berlin-Kreuzberg

„Kirchen machen mobil gegen Rot-Rot“ vom 4. April und „Streit um Wertekunde eskaliert“ vom 5. April 2005

Ebenso wenig, wie man die Bedeutung und den Genuss großer Werke von Bach, Mozart, Brahms oder Strawinsky wirklich erfahren kann, indem man über die notierte Struktur solcher Musik mit einzelnen Klangbeispielen unterrichtet wird, lässt sich das Christentum verstehen und vor dem Hintergrund unserer Geistes- und Sozialgeschichte als Angebot an jeden Einzelnen begreifen, wenn in einem kursorischen Ethik- und Lebenskundeunterricht lediglich ein aus diversen Weltreligionen und Weltanschauungen abstrahierter Wertekanon erörtert wird.

Unterricht in Religion ist daher – auch wenn man ihn natürlich nicht zum Pflichtfach erheben kann – eine wesentliche Voraussetzung nicht nur für einen Zugang zu Glauben und Bekenntnis, sondern für jedes tiefere Verständnis unserer Kultur und ihrer Geschichte in allen Hochs und Tiefs. Ohne Auseinandersetzung mit Religion und Religiosität ist kulturelle Identität kaum möglich. Diese Auseinandersetzung mag, nein muss in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft kritisch sein, ohne allerdings Glauben und Religion a priori als Opium und Ideologie zu denunzieren.

Die Zuspitzung der Differenz auf die Frage, ob es sich bei einem Werte-Fach um „ein Bekenntnis-(Glaubens-) oder ein Kenntnis-(Wissens-)Fach“ handeln solle (Wilfried Seiring, Leiter des Landesschulamtes), ist insofern völlig abwegig. Und wenn Kinder dazu erzogen werden sollen, „ihre Herkunftsreligion zu relativieren“ (Carola Freundl, PDS), was ein durchaus spannender pädagogischer Prozess sein kann, dann setzt das ja erst einmal eine Herkunftsreligion voraus, eine Art religiöser Basis, von der aus verglichen und argumentiert werden kann. Erst dann ist auch so etwas wie positive Toleranz möglich, die mehr ist als Indifferenz, als stumpfe Gleichgültigkeit. Erst dann kann es zum Dialog kommen mit Anders- oder Nichtgläubigen.

Dr. Michael Jenne, Berlin-Wannsee

In der Diskussion über Religion-/Werteunterricht vermisse ich den Aspekt Integration. In einer Stadt wie Berlin, in der Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Nationen, religiöser Glaubensgemeinschaften, Hautfarben, Weltanschauungen und Bekenntnisse gemeinsam zur Schule gehen, ist ein für alle Schüler verbindlicher gemeinsamer Ethik-, Werte-, interreligiöser Unterricht die einzige Alternative.

Helgard Rohrmoser, Berlin-Schöneberg

„Toleranz setzt Wissen voraus“

vom 29. März 2005

Herr Flierl predigt Toleranz. Ein weniger glaubwürdiger Prediger wäre wohl kaum zu finden. Er war Ideologe der SED, die keine Toleranz kannte. Sie drängte den Religionsunterricht aus der Schule und ließ die Schüler mit ihrer Ideologie indoktrinieren. Sie versuchte sie auch zur Jugendweihe zu zwingen. Heute will ihre Erbin, die PDS, in ideologischer Kumpanei mit Teilen der SPD ein Zwangsfach LER einführen, um auf weite Sicht den Religionsunterricht abzuwürgen und die Kirche aus der Schule zu vertreiben. Damit würde Eltern und Schülern ihr Wahlrecht genommen. Das verstößt gegen die Grundrechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und gegen die Bekenntnisfreiheit.

Reymar von Wedel, Rechtsanwalt,

Berlin-Schmargendorf

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