Leserbriefe : Weshalb brauchen wir wieder eine Originalmauer?

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„Ein Mahnmal mit klarer Botschaft“ vom 3. November 2004

Was ging in den Jahrhunderten des Bestehens unserer Stadt alles verloren, was kennen wir nicht mehr? Es genügt uns aber, trotz der vielen Verluste nur herausragende Objekte dieser Vergangenheit „anfassen“ zu können. Das meiste kennen wir nur aus Überlieferungen. So sollte es auch bei der Mauer sein!

Ich erinnere mich an den 14. August 1961, als ich mit dem Fahrrad von Berlin-Charlottenburg (West) durch das Brandenburger Tor über den Spittelmarkt Berlin-Mitte (Ost ) zu meiner Arbeitsstelle in der Lindenstraße Berlin-Kreuzberg (West) fahren wollte. Jeden Tag konnte ich beobachten, wie die Mauer perfekter wurde.

Wir Berliner waren wütend und hatten Angst. Meine engsten Verwandten in Berlin (Ost) habe ich nach dem Mauerbau jahrelang nicht mehr gesehen. Ich denke an das erste Wiedersehen anlässlich der Hochzeit meiner Schwester in Berlin (Ost) nach langem Hoffen und Warten auf die Sondergenehmigung. An die Grenzkontrollen, an die Wut und an die Trauer, an die Tränen angesichts dieser Erniedrigung eines Bürgers in Deutschland, der in Ost und West gelebt hat. Ich denke an die Menschen, die mit Ferngläsern auf den Podesten an der Mauer standen, um ihren Verwandten zuzuwinken.

Ich denke, dass nur wenige Menschen dieser Mauer hinterhertrauerten. Mauerpark, Mauerreste am Abgeordnetenhaus, Eastside Gallery – schon das ist zu viel – und nun eine Mauer am Checkpoint C als Touristenattraktion? Nein, danke. Gedenken hat eine andere Qualität. Es bleibt zu hoffen, dass Frau Hildebrandt den Betrag beim Bezirksamt hinterlegen musste, der zum Abräumen dieser Unsäglichkeit notwendig sein wird. Wir werden wieder davon hören.

Reiner Janisch, Berlin-Zehlendorf

Lieber Herr Janisch,

Sie haben Recht: Die Geschichte der Berliner Mauer und ihrer Opfer ist zu ernst, um sie als Touristenattraktion oder Kunst-Event zu missbrauchen. Die Grenze symbolisierte die Teilung der Stadt, der deutschen Nation und des europäischen Kontinents. Sie steht für den Kampf um Freiheit und Demokratie. Wozu Menschen bereit und fähig gewesen sind, dem verhassten Regime in der DDR zu entfliehen, demonstrieren die Fluchtobjekte im Museum Haus am Checkpoint Charlie. Nicht umsonst kamen Millionen von Menschen aus aller Welt nach Berlin, um ein Stück eben dieser Grenze als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Nach fast einem halben Jahrhundert war der Kalte Krieg zu Ende gegangen – friedlich! Mehr als einmal hatte die Welt hier am Abgrund des dritten Weltkrieges gestanden. Die Frage, wie es denn gewesen ist mit der Mauer, beschäftigt heute jeden Berlin-Besucher. Wir sollten dieses Interesse ernst nehmen, auch um über uns selbst nachzudenken. Der Fall der Mauer war eine Sternstunde deutscher und internationaler Geschichte. Ohne das mutige Verhalten der Berlinerinnen und Berliner auf westlicher wie auf östlicher Seite wäre es nicht dazu gekommen. Es hat der Stadt weltweite Anerkennung verschafft. Klar, das Bauwerk „Mauer“ musste weg; die Stadt, die Nation, der Kontinent sollten wieder zusammenwachsen. Aber vergangen heißt nicht vergessen. Künftige Generationen müssen diese Geschichte kennen. Sie darf sich nicht wiederholen. Die Opfer haben ein Recht darauf, dass daran erinnert wird. Ihre Flucht war Widerstand gegen eine Diktatur.

Wir dürfen aber auch die Angehörigen der Opfer in ihrer Trauer nicht allein lassen. Die „nationale Gedenkstätte“ in der Bernauer Straße, die ich damals als Verantwortlicher des Deutschen Historischen Museums gestalten durfte, dient diesem Zweck. Sie umfasst den einzigen authentischen Grenzstreifen in der Stadt. In der Bernauer Straße zeigte sich die ganze Brutalität der Teilung, kam es zu den meisten Todesopfern. Der Begriff „Mauer“ ist irreführend. Es war eine tödliche Grenze. Deswegen ist auch der so genannte Checkpoint Charlie keine Alternative. Abgesehen davon: Das Original steht im Alliierten Museum, und zwar sowohl in der Fassung von 1961 als auch von 1989. Ein Hollywood-Szenario, wie es im Moment in der Kochstraße von Frau Hildebrandt in Angriff genommen wird, macht die Erinnerung zum „fun“. Die Errichtung der Gedenkstätte in der Bernauer Straße war kein Ruhmesblatt der Berliner Landespolitik. Der Berliner Senat fühlte sich nicht wirklich zuständig. Ein verbindliches Gesamtkonzept für die Situation in der ganzen Stadt wurde nie in Auftrag gegeben. Die Finanzierung der Gedenkstätte Bernauer Straße ist keineswegs gesichert. Es wird Zeit, dass etwas Grundsätzliches geschieht. Der Bundespräsident sollte sich der Sache annehmen, denn die Erinnerung an die Geschichte der Berliner Mauer, an die deutsche Teilung kann nicht Aufgabe privater Initiativen sein – wie gut sie auch immer gemeint sein mögen.

Ich hoffe, Sie schenken dem Thema auch weiterhin Ihre Aufmerksamkeit und grüße herzlich!

— Dr. Helmut Trotnow ist Direktor des Alliierten Museums in Berlin.

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