Leserbriefe : Westliche Werte dürfen Muslimen nicht aufgezwungen werden

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„Alles deutsch …“ vom 22. November 2004

Der Begriff Leitkultur wird nicht dadurch plausibler, dass er von Bassam Tibi für eine europäische Wertegemeinschaft geprägt wird. Hinter der viel diskutierten Globalisierung verbirgt sich auch ein Eurozentrismus, der mit problematischer Selbstverständlichkeit bestimmte Wertvorstellungen auf außereuropäische Kulturen überträgt, mit denen sie nicht immer kompatibel sind. Der Krieg im Irak ist ein böses Beispiel dafür. Der kamerunische Philosoph und Bioethiker Godfrey Tangwa (Universität Yaounde) kritisiert dieses westliche Denken: Es sei ein Merkmal der westlichen Ethik zu glauben, sie funktioniere losgelöst von den Glaubenssätzen und Bräuchen ihrer Gesellschaft. Es gelte, dem Westen klarzumachen, dass seine IchKultur nicht wie ein Teekannenwärmer der afrikanischen Wir-Kultur übergestülpt werden kann.

Dem friedlichen Miteinander der Kulturen dient nur ein offener Begriff, als lebendiger Prozess im Austausch des Eigenen und des Fremden. So sollten wir, statt einseitig Anpassung zu verlangen, mit Neugier und Empathie von den Kulturen unserer Migranten auch profitieren und lernen.

Homogenitätsillusionen wie National- und Leitkultur sind gerade in der jüngsten Geschichte wieder allzu oft in mörderischen Fundamentalismus gemündet.

Dr. Ulrich Merkel, Berlin-Wilmersdorf

„Schönbohms Worte zur ,Leitkultur’ spalten die Koalition“ vom 22. November 2004

Ich bin in Berlin aufgewachsen und bin auf ein Kreuzberger Gymnasium gegangen und habe zwei Jahre in einem Betreuungsbüro in Kreuzberg Menschen mit einem Anteil an über achtzig Prozent türkischen Mitbürgern betreut: Frauen, die für westliche Verhältnisse stark unterdrückt werden, die keine gleichberechtigten Entscheidungsrechte innerhalb der Familie, vor allem nicht gegenüber dem Mann haben, Menschen, die seit zwanzig bis dreißig Jahren in Deutschland leben und nicht der deutschen Sprache mächtig sind und sich in keiner Weise für die Kultur oder auch die Werte des Landes, in dem sie schon so lange leben, interessieren.

Sehr oft spielt der Glaube eine sehr große Rolle bei der Entscheidung, sich zu integrieren oder sich abzugrenzen. Gleichgesinnten schließt man sich an. Es ist so, als ob der Großteil jener, die ich beschrieben habe, nichts anderes als den Ort gewechselt haben. Hier in Berlin leben wir schon seit langen Jahren mitten in einer Parallelgesellschaft.

Dass man dagegen nun etwa versucht, vehementer vorzugehen, halte ich für höchst angebracht und stimme dem sehr zu. „Deutsche Leitkultur“ ist meiner Meinung nach ein weniger gut gewählter Begriff, ich stimme eher Herrn Burkhard Schöps bei der Begriffswahl der „europäischen Leitkultur“ zu.

Tanya Kaya, Berlin-Charlottenburg

„Im Namen der Ehre“ vom 18. November 2004

Die Terrorakte widersprechen nach meiner Auffassung den fundamentalsten Grundsätzen des Islam und können durch keine Tatsache gerechtfertigt werden. Dies ist meine feste Überzeugung und auch die der großen Mehrheit der Muslime. Die Auseinandersetzung gerät jetzt nach der Ermordung des holländischen Filmregisseurs van Gogh in eine Phase, die in einem Chaos von Gewalt und Gegengewalt enden kann. Deshalb scheint es mir wichtig festzustellen, welche Aussagen in den islamischen Quellen zu den heutigen Problemen wirklich gemacht worden sind und welche nicht. In Ihrem Artikel kommt der Satz vor: „Etwa dreißig Prozent der Hilfe suchenden Frauen sollen nach muslimischem Recht zwangsverheiratet werden.“ Zwangsverheiratung halte ich für eine sehr schlimme Sache, die von dem Propheten Muhammad verboten worden ist. Bei meinen Gesprächen mit muslimischen Frauen habe ich immer wieder auf diese Tatsache hingewiesen.

Leider beachten auch viele Muslime diese Tatsache nicht, sondern stellen ihre Traditionen immer wieder über die Gesetze des Islam. Deshalb ist es sehr wichtig festzustellen, dass das muslimische Recht eine Zwangsheirat verbietet und dass auch in Ihren Zeitungsartikeln immer wieder darauf hingewiesen wird.

Jahja Werner Schülzke, Vize-Präsident der Islamischen Föderation Berlin

„Koran oder Grundgesetz“ vom 21. November 2004

Aufs Neue bin ich entsetzt über die durchgehend negative Berichterstattung über Muslime. Trauriger Höhepunkt: ein Cartoon, das einen traditionell gekleideten Türken zeigt, der seine Frau an einer Kette spazieren führt, während er verdrossen das Grundgesetz studiert. Der Verfasser dieser grässlichen Typisierung ist sich offensichtlich nicht bewusst, was er anrichtet: Er legt Feuer an die Fackeln derer, die nur darauf warten, ihre Pogrome zu beginnen.

Dr. Michael Bachmaier, Berlin-Kreuzberg

„Biederland und die Brandstifter“ vom 23. November 2004

Immer wieder hört und liest man „Islam bedeutet Frieden“. „Frieden“ heißt, wie man das vom arabischen Gruß her kennt, „Salam“. Bei dem Wort „Islam“ hingegen handelt es sich um das Verbalnomen des Verbs „aslama“: „sich (Gott) ergeben“ mit der Bedeutung „Ergebung“ oder „Unterwerfung“. Goethe hat Recht, wenn er im West-Östlichen Divan (Buch der Sprüche) sagt: „Närrisch, dass jeder in seinem Falle/Seine besondere Meinung preist!/Wenn Islam Gott ergeben heißt,/In Islam leben und sterben wir alle.“

Dr. Christoph Hönig, Berlin-Zehlendorf

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