Leserbriefe : Wie gefährdet ist die Oper?

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Zur Absetzung des „Idomeneo“ vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin

Wenn wir die Freiheit der Künste und die der Meinungsäußerung auf dem Altar der Bequemlichkeit oder Angst opfern, sind wir es nicht mehr wert, die Früchte der Aufklärung zu ernten. Quasi im vorauseilenden Gehorsam kapitulieren wir vor der Intoleranz, deren Verfechter uns eventuell Ungemach bescheren könnten. Anscheinend weiß niemand mehr um die Generationen vor uns, denen es viel Kraft, Geduld, Schmerz und Blut und nicht zu selten auch das Leben gekostet hat, eine Werteordnung, zu der eben auch die fundamentalen Freiheitsrechte gehören, in Europa zu etablieren. Wer so dumm und geschichtsvergessen ist wie wir, darf auch ruhig wieder einen Maulkorb tragen.

Marco Ziegler, Berlin-Lichterfelde

Nun haben sie es geschafft, die islamischen Eiferer. Die Deutsche Oper hat ihren Offenbarungseid geleistet. Mein Rat an Frau Harms: Schließen Sie das Haus um zukünftige Gefahren abzuwehren und dem steuerzahlenden Subventionierer weiteren Kulturgenuss zu verwehren. Wenn das Schule macht, werden wir bald keine unzensierte Kultur mehr haben. Die Theater werden die Spielpläne nur noch nach Political Correctness gestalten und die Museen werden wohl einen Großteil ihrer Exponate entfernen müssen, da diese bei jedem dahergelaufenen Weltverbesserer eine Beleidigung seines Glaubens hervorrufen.

Armes Deutschland, armes Abendland. Was ist aus euch geworden!

Jürgen Soehring,

Berlin-Charlottenburg

Sehr geehrter Herr Ziegler,

Sehr geehrter Herr Soehring,

die Absetzung von Mozarts „Idomeneo“ an der Deutschen Oper ist ein denkbar schlechtes Signal. Wer sich vorauseilend der eigenen Freiheit entledigt, der geht Fundamentalisten auf den Leim, der kapituliert vor einem internationalen Terrorismus, den nichts so sehr stört, wie die weltoffene, liberale Gesellschaft. Die Absetzung ist falsch, weil sie Menschen verunsichert. Eines ist klar: Absolute Sicherheit kann in einer offenen Gesellschaft niemand garantieren – auch jene nicht, die so tun, als wäre mit immer mehr Überwachung, mit einem immer stärkeren Abbau von Bürgerrechten, mit einem Verzicht auf Freiheit mehr Sicherheit möglich. Zur Verteidigung von Freiheit braucht es Mut und Realismus, aber kein Schüren von Angst.

Ich bin froh, in keinem Gottesstaat zu leben, der Religionskritiker bedroht. Und ich möchte auch in keinem Staat leben, in dem Institutionen sich vor fundamentalistischen Ansprüchen wegducken. Die Freiheit der Kunst, der Umstand, dass Kunst der Gesellschaft etwas zumutet, dass sie provoziert, Finger in offene Wunden legt, unbequeme Fragen stellt, gehört unabdingbar zur Gesellschaft, in der ich leben möchte. Wer diese Rolle von Kunst in Frage stellt, der nimmt der geistigen und kulturellen Debatte eine wesentliche Triebkraft, der riskiert Stillstand und geistige Ödnis.

Manchmal fühle ich mich an sehr merkwürdige Debatten der 80er Jahre erinnert, als die „Drei Tornados" wegen Blasphemie vor deutsche Gerichte gezerrt wurden und eine ihrer Kabarett-Nummern verboten werden sollte. Sie hatten die unbefleckte Empfängnis Mariens in Frage gestellt und überlegt, wie die Jungfrau sonst zum Kinde gekommen sein mag. Das Gerichtsverfahren, das dann ablief, war ein peinliches Schauspiel für all diejenigen, die die Freiheit von Kunst und Satire beschneiden lassen wollten.

Sehr merkwürdige Querverbindungen im Geiste werden sichtbar, wenn Politiker wie Edmund Stoiber jede Gelegenheit nutzen, um vor der Bedrohung der Freiheit durch den Islam zu warnen, und dann selbst die Freiheit von Kunst und Rede durch härtere Strafen für Blasphemie einschränken wollen. Die offene Gesellschaft hält Zumutungen bereit: Gläubige Menschen müssen Menschen ohne Glauben akzeptieren und umgekehrt. Wir dürfen auch nicht verschweigen, dass auch im Namen des Christentums schlimme Gewalttaten verübt wurden. Wer immer nur mit dem Finger auf andere zeigt und blind ist für Gewalt, die vom eigenen Land, von der eigenen Religion ausgegangen ist, der bricht seiner Kritik an Gewalt und Freiheitseinschränkungen die Spitze ab.

Mit freundlichen Grüßen

— Claudia Roth,

Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen

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