Leserbriefe : Wie gehen wir mit dem Lehrermangel um?

Zur Debatte um die dauerkranken Lehrer

Die 4. Klasse unseres Sohnes ist seit Beginn des Schuljahres ohne die neue Klassenlehrerin, da diese seit Ferienende erkrankt ist. Das bedeutet Vertretungsunterricht, Stundenausfall, Verunsicherung der Schüler aufgrund der ständig wechselnden Bezugspersonen, und, und … Die Schulleitung und die Vertretungslehrer leisten bewundernswerten Einsatz und Organisation – doch auf Dauer geht dies auch auf Kosten aller Beteiligten, insbesondere der Kinder. Studien zu den Ursachen von Dauererkrankungen bei Lehrern mögen interessante Erkenntnisse bringen, tragen aber nicht zur Lösung akuter Engpässe und Probleme bei! Und so geht die bürokratische Mühle um Ersatz für einen langzeiterkrankten Lehrer ihren langsamen Gang, alle werden vertröstet, dass „es bald besser wird“, jetzt sind ja erst mal Herbstferien, und wir als Eltern und Elternvertreter fühlen uns wie Don Quijote im Kampf mit den Windmühlen.

Dr. S. Reuber / A. Majer

Berlin-Reinickendorf

Dass wegen der offenkundigen Notstände in vielen Berliner Schulen nicht schon längst alle Alarmglocken läuten, sondern man in der Bildungsverwaltung angesichts von fast 1000 dauerkranken Lehrern lediglich „stutzig“ wird und eine Arbeitsgruppe nach den Ursachen forschen soll, zeigt überdeutlich, wie abgehoben und fern von der Realität in dieser Behörde agiert wird. Wissenschaftliche Untersuchungen zur beruflichen Belastung von Lehrern gibt es genug. Nur müsste man diese mal aus den Schubladen holen und aus den Ergebnissen der Studien die richtigen Konsequenzen ableiten, statt ständig neue Zahlenspiele zu erfinden, die belegen, dass die Realität erfreulich ist. Aber wahrscheinlich sind nur 1000 dauerkranke Lehrer immer noch nicht genug.

Gisela Sprau, Charlottenburg

Sehr geehrte Frau Sprau, sehr geehrter Herr Dr. Reuber, sehr geehrte Frau Majer!

Ihre Briefe zeigen deutlich Ihre große Sorge, dass vor allem die Kinder unter dem häufigen Vertretungsunterricht und Stundenausfall leiden. Ich glaube aber auch, beiden Briefen die Botschaft entnehmen zu können, in Berlin würde seit Jahren Flickschusterei betrieben. Es würde nicht ernsthaft versucht, wirklich das Problem zu lösen. Aus meiner Sicht hat Bildungssenator Zöllner sehr hohe Erwartungen geweckt, indem er immer wieder verkündete, das Problem der Bekämpfung des Unterrichtsausfalls sei für ihn eine vorrangige Aufgabe. Deshalb würden alle Schulen mit 100 Prozent plus 3 Prozent für Vertretungsunterricht ausgestattet.

Jetzt hat ihn die Wirklichkeit eingeholt; bei den Eltern aber ist Ernüchterung und zusätzlicher Frust entstanden, wenn ihre Schule zu den unterversorgten Schulen zählt. Denn leider haben ja, wie die neuesten Zahlen von Senator Zöllner belegen, mehr als 400 Schulen in Berlin gar nicht wie versprochen 100 Prozent Lehrerstunden zur Abdeckung des Unterrichts erhalten. Und das neue System zur Einstellung von Vertretungslehrern, was viele Schulleiter grundsätzlich begrüßen, funktioniert nicht so, dass es den Schulen wirklich hilft.Jetzt versucht unser Bildungssenator, die Probleme kleinzureden. Er unterscheidet neuerdings zwischen Grundbedarf und Zusatzbedarf. Grundbedarf sind Fächer wie Mathematik und Deutsch. Zusatzbedarf sind z. B. Stunden für die Förderung von Hochbegabten, von Kindern mit Behinderungen, für Sprachförderung oder zur Leitung des Chors. All diese zusätzlichen Stunden, so der Bildungssenator, könnten ja im Notfall zugunsten des Unterrichts in Mathematik, Deutsch etc. genutzt werden. Klar ginge das, aber mit welchen Konsequenzen? Soll man den Kindern, die zum Chor kommen, sagen, er würde ausfallen, weil die Lehrerin in einer anderen Klasse Mathematik unterrichten muss ? Jeder, der Schule kennt, weiß, dass ein Chor ganz schnell nicht mehr existiert, wenn so etwas mehrfach passiert! Oder wie geht es Kindern, die einen besonderen Förderbedarf haben, der ihnen gesetzlich zusteht, aber nicht erteilt wird?

Ich halte es für fatal, wenn unser eigener Senator so etwas zulässt. Es wäre eine Verarmung, Schule auf den Unterricht in den sogenannten Kernfächern zu reduzieren. In Berlin gibt es fast 1000 dauerkranke Lehrkräfte, ganz überwiegend über 55 oder 60 Jahre alt. Der dramatische Anstieg ist nicht nur eine Folge der Überalterung von Lehrkräften, sondern vor allem auch der vor einem Jahr erfolgten Streichung der Altersteilzeit. Das war dumm! Zuvor konnten Lehrkräfte in Altersteilzeit die Hälfte ihrer Pflichtstunden zu reduzierten Bezügen arbeiten. Jetzt werden sie, wenn sie der Belastung im Alter nicht mehr gewachsen sind, krank und unterrichten gar nicht mehr. Ich kenne viele Lehrkräfte, die gerne bis 65 arbeiten würden, dies aber nicht mehr mit einer vollen Stelle schaffen!

Wünschen würde ich mir, dass Bildungssenator Zöllner nicht die Öffentlichkeit auf Pressekonferenzen auf bessere Zeiten vertröstet, sondern offensiv für die Einstellung zusätzlicher junger Lehrkräfte kämpft. Er hätte sicher die volle Unterstützung aller Eltern!

— Erhard Laube ist Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter.

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