Leserbriefe : Wie kann Deutschland Bildungsrepublik werden?

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Tausende protestieren gegen Rektoren / Studierende gehen in Leipzig auf die Straße“ vom 25. November

Ich kann den Protest der Studierenden voll und ganz unterstützen. Gerade Familien mit geringem Einkommen überlegen es sich, ob ihr Kind studieren kann oder lieber eine Ausbildung macht. Studiengebühren in vielen Bundesländern, zu wenig Bafög und die laufenden Kosten zum Lebensunterhalt schrecken viele Eltern ab. Es darf aber nicht sein, dass sich nur Akademikerkinder den Besuch einer Hochschule leisten können und die anderen, egal wie talentiert sie sind, diese Chance nicht haben. Es muss doch möglich sein, mit kreativen Ideen viele junge Leute zu einem Studium zu bewegen. Gerade in einem so rohstoffarmen Land wie Deutschland ist Bildung ein wichtiger Standortfaktor.

Oliver Neuheuser, Frankfurt am Main

Die Realität in der „Bildungsrepublik“: Die finanzielle Absicherung der Kitas, Schulen und Hochschulen reicht bei weitem nicht aus. Längst nicht jeder, der studieren möchte kann es sich auch leisten. Die neuen Bachelor-Studiengänge, die heute in der Regel nach sechs Semestern abgeschlossen sein müssen. sind zu vollgestopft, zu verschult und zu starr. Die Zahl der Studienabbrecher steigt und die Wirtschaft stellt weiterhin nur ungern Bachelor-Absolventen ein. Die auf eine größere wirtschaftliche Verwertbarkeit des Studiums abzielende Bologna-Reform halte ich angesichts dieser Umstände für gescheitert.

Politiker nehmen ständig das Wort Bildungsrepublik in den Mund. Aber mit Inhalt füllen sie den Begriff nicht. Bildung ist in der Tat der Schlüssel zum Erhalt unseres Wohlstands auch in der Zukunft, nur sollte den Verantwortlichen langsam klar werden, dass die Bildung unserer Kinder etwas kostet. Und diese Kosten können nicht allein die Familien tragen, dass ist vor allem Aufgabe der Gesellschaft!

Bernd Walther, Berlin-Kreuzberg

Sehr geehrter Herr Walther,

Sehr geehrter Herr Neuheuser,

Berlin gibt mehr Geld pro Schüler aus als Bayern oder Baden-Württemberg und erreicht wesentlich schlechtere Ergebnisse. Das hat der ehemalige Finanzsenator Sarrazin ausgerechnet und seinen Bildungskollegen im rot-roten Senat vorgeworfen. Zu Recht.

Dasselbe gilt für die Ausgestaltung von Studiengängen. Die Entschlackung von Lehrplänen kostet kein Geld, sie erfordert Mut, Weitsicht, Überzeugungskraft und manche andere Tugend dazu. Die Hochschulrektorenkonferenz hat den Bundesländern Fehler bei der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge vorgeworfen. Der Präsident der Humboldt-Universität Christoph Markschies hat konkretisiert, 25 der 250 Studienordnungen an der Berliner Humboldt-Universität seien misslungen.

Die erste Antwort auf die Frage, wie werden wir eine Bildungsrepublik, darf nicht der Ruf nach Geld sein. Das führt nur dazu, dass die eigentlichen Fragen nicht beantwortet werden. Das sind die unbequemen Auseinandersetzungen über die Wichtigkeit von einzelnem Wissen, über die Form der Vermittlung, über die Selbstständigkeit im Studium usw. Das gilt für die Kita genauso wie für die Universität und natürlich für die Schulen.

Es gibt durchaus Beispiele, wie die viel kritisierte Bologna-Reform erfolgreich umgesetzt wurde. Die Studenten der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität haben ausdrücklich erklärt, an ihrer Fakultät sei die Reform sehr gelungen. Unter dem Dekan Oliver Günther wurde schon 2003 der Studiengang umgestellt – mit wirklich beeindruckenden Ergebnissen.

Seit dem Pisa-Schock wird die Bildungsfrage intensiv diskutiert. Das ist der erste Weg zur Besserung. Wir müssen die Qualität unserer Bildungseinrichtungen erheblich steigern. Selbstverständlich wollen wir eine Bildungsrepublik werden, wie es die Kanzlerin so treffend formuliert hat.

Und selbstverständlich brauchen wir dafür zusätzliches Geld. Das haben Bund und Länder im letzten Jahr beschlossen. Zehn Prozent des Bruttosozialprodukts sollen in Forschung und Lehre investiert werden - deutlich mehr als bisher. Auch hier hängt es nun an der Umsetzung in den Ländern. Knappe Kassen kann keiner kurz kurieren. Aber es wird Länder geben, die es schneller und besser schaffen. Hoffentlich wird Berlin dazugehören.

Die Bundesregierung wendet auch bei der Verteilung des Geldes den richtigen Grundsatz an. Wettbewerbe stellen fest, wer die besten Konzepte und nicht die überfrachtesten Lehrpläne entwickelt. So wird das Geld zugesprochen. Erst die Qualität, dann das Geld.

In Berlin wird gerade eine Schulstrukturreform vom Senat vorbereitet. Die Details wirken unüberlegt. Wie sehen die Lehrpläne der neuen Schulen aus? Wie sollen Hauptschüler aus Klassen mit etwa 15 Schülern nun in sog. Sekundarschulen mit 26 Schülern unterrichtet werden? Wie werden die Lehrer darauf vorbereitet? Sollen einige Schüler wirklich per Los verteilt werden? Hier sollte der Finanzsenator prüfen! Nicht, dass wir wieder Geld ausgeben, und die Ergebnisse bleiben schlecht.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Thomas Heilmann,

stellv. Vorsitzender der Berliner CDU

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