Leserbriefe : Wie viele Einkaufszentren verträgt Berlin?

-

Wer zügelt die Raffgier der Großkaufleute? Nun muss es also gleich ein Einkaufszentrum sein. Das braucht außer den Raffken von Kaufland und Co. dort an der Sonnenallee niemand. Ein paar Meter weiter an der Grenzallee gibt es bereits ein Nahversorgungszentrum, zwei S-Bahnstationen weiter am Bahnhof Schöneweide ein Zentrum mit Einzelhandel, mehreren Märkten und Kaufland-Filiale. Die Neuköllner Einkaufsstraßen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee haben schon genug unter dem Sog der Kaufkraft in Richtung der Center gelitten. Die Investoren sollten sich nicht für den Nabel der Welt halten. Sie handeln nur im Sinne ihrer Raffgier, nicht im Allgemeinwohl. Statt der Bausenatorin zu drohen, sollten sie ihr Bündel schnüren und die Stadt in Frieden lassen.Ralf Drescher, Berlin-Lichtenberg

Wohin mit meinem ganzen Geld? Da ich, genau wie die meisten anderen Bewohner dieser Stadt, alle drei Monate eine satte Gehaltserhöhung bekomme und gleichzeitig die Lebenshaltungskosten ständig sinken, ist es ein Skandal, dass ich 5 Minuten brauche, um das nächste Shopping-Center zu erreichen, und dort nach 20.00 Uhr sogar noch vor verschlossenen Türen stehe. Ich benötige unbedingt noch einige Einkaufstempel direkt vor meiner Haustür, in denen ich dann bitteschön rund um die Uhr mein ständig wachsendes Vermögen ausgeben kann.

Thilo Schmidt, Berlin- Wedding

Sehr geehrter Herr Drescher, sehr geehrter Herr Schmidt, der Berliner Einzelhandel wird von einer Vielfalt geprägt, die man sich vor 15 oder 20 Jahren wohl kaum hätte vorstellen können. Neben großen und kleinen Einkaufsstraßen in allen Stadtbezirken und zahlreichen Stadtteilzentren gehören inzwischen über 50 Shopping-Center dazu, die sich über die ganze Stadt verteilen. Brauchen wir eine solche Einkaufslandschaft? Ich glaube in gewisser Weise schon. Berlin ist eine Weltstadt und auf dem Weg zu einer internationalen Shopping-Metropole. Es geht deshalb nicht um „Raffgier“ irgendwelcher Kaufleute oder um sinnlose „Einkaufstempel“.Aber ich verstehe auch die Einwände. Der wachsende Wettbewerb im Einzelhandel darf angesichts der stagnierenden Kaufkraft nicht zur Zerstörung der vorhandenen Strukturen führen.

Einkaufszentren sind eine moderne Form des Einkaufens und werden von den Kunden gut angenommen. Das führte in den vergangenen zehn Jahren zu einem rasanten, manchmal auch unkontrollierten Wachstum. Auf Initiative der damaligen Einzelhandelsverbände in Berlin und Brandenburg, die jetzt im HBB zusammengeschlossen sind, konnte ein Wildwuchs auf der „Grünen Wiese“ in den 90er Jahren rechtzeitig verhindert werden.

Politik, Wirtschaft und Handel engagieren sich heute auf einer gemeinsamen Ziellinie für eine Revitalisierung und Stärkung innerstädtischer Bereiche. Das heißt konkret, großflächiger Einzelhandel sollte nur noch an integrierten Standorten entstehen, dort wo entsprechender Bedarf besteht und die umliegenden Unternehmen von dieser Ankerfunktion profitieren können. Die Schloßstraße, die Wilmersdorfer Straße oder auch die Schönhauser Allee beispielsweise zeigen, wie große Shoppingcenter an integrierten Standorten zur Belebung der Einzelhandelsstrukturen im Umfeld beitragen können.

Angesichts der Entwicklung in den vergangenen Jahren ist es verständlich, dass bei vielen Lesern der Eindruck entsteht, unsere Stadt verfüge nun über eine ausreichende Zahl an Einkaufszentren. Vor allem, wenn man die gegenwärtig stagnierende Kaufkraft betrachtet. Handel ist nicht statisch. Seine Strukturen haben sich ständig verändert, und das wird auch in Zukunft so sein. Auch in Berlin werden weitere, noch modernere Shoppingcenter entstehen. Das heißt aber nicht, dass sich in der Innenstadt ein neuer ungebremster Aus- und Neubau entwickeln darf. Berlin hat einen Überhang von über 500 000 Quadratmetern Verkaufsfläche, dem keine relevante Kaufkraft gegenübersteht. Das führt bereits jetzt zu einem ruinösen Wettbewerb. Alle Entscheidungen sind deshalb im Einzelfall genau abzuwägen und nach ihren Auswirkungen auf das Umfeld zu überprüfen. Dass das nicht immer so einfach ist, zeigt die aktuelle Debatte und Entscheidung hinsichtlich der Ladenflächen, die in Verbindung mit dem Ausbau des Estrel-Kongresszentrums vorgesehenen waren. Eine zusätzliche Einzelhandelsfläche von 12 000 Quadratmetern wird von vielen umliegenden Unternehmen sicher nur schwer zu verkraften sein. Andererseits sollte der Ausbau des Kongresszentrums keinesfalls an diesem Punkt scheitern. Berlin benötigt dringend solche Investitionen, die mehr Menschen und damit auch mehr Kaufkraft in unsere Stadt bringen. Der Berliner Senat ist damit angehalten, einen entsprechenden Weg zu finden und gemeinsam mit dem Investor ein praktikables Finanzierungsmodell zu erstellen.

— Gerd Seehafer ist Vorsitzender des

Handelsverbandes Berlin Brandenburg (HBB)

für Berlin und Umgebung

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben