Leserbriefe : Wir sind der Staat

„Von Tag zu Tag“ – Zu den Baumfällungen am Landwehrkanal von Matthias Oloew vom 6. Juli

Ich mag mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn nur ein Baum auf ein – womöglich voll besetztes – Fahrgastschiff gestürzt wäre, und sich hinterher herausgestellt hätte, dass dem Wasser- und Schifffahrtsamt durch vorhergehende Untersuchungen die Gefahr bekannt war. Nach meiner Auffassung ist es ausgesprochen verantwortungsbewusst, dass das WSA zur Gefahrenabwehr die Wasserstraße gesperrt hat und, als sich der Umfang des wirtschaftlichen Schadens für die Fahrgastschifffahrt herausstellte, engagiert und schnell gehandelt hat.

Ihre Darstellung im oben genannten Artikel, die sich offenbar mit der Meinung von vielen Politikern, Journalisten, Interessenverbänden, Bürgerinitiativen und Bürgern deckt, die im Gefahrenfall alle keine Verantwortung übernehmen müssen, kann ich nicht nachvollziehen.

Gerhard Straebel, Berlin-Steglitz

Der Landwehrkanal ist für viele Bürgerinnen und Bürger – nicht nur in Friedrichshain-Kreuzberg – ein wichtiges Naherholungsgebiet und von zentraler Bedeutung für die Lebensqualität in einer ansonsten sehr verdichteten Stadtlandschaft.

Es ist richtig: Der Landwehrkanal wurde Mitte des 19. Jahrhundert gebaut, um die Spree als Transportweg zu entlasten. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er zum Abtransport des Trümmerschutts eine wichtige Funktion wahr. Doch das ist lange vorbei.

Heute trägt der Landwehrkanal zum Image Berlins als „grüne“ Stadt wesentlich bei. Berlin hat nicht nur den Tiergarten und den Grunewald, sondern ein weitverzweigtes Netz an Flüssen, Seen und „Wasserstraßen“; gerade das macht die Lebensqualität dieser Stadt aus. Landwehrkanal, Havel und Spree sind für Berlin das, was für München die Hausberge Karwendel und Wetterstein sind.

Es ist nicht hinnehmbar, dass dieses reiche landschaftliche Erbe durch die Gutsherrenart einer Behörde sukzessive zerstört wird. Das Wasser- und Schifffahrtsamt hat sich – wie der Presse zu entnehmen war – entschlossen, am 5. Juli 22 Bäume am Landwehrkanal zu fällen; und das während laufender (!) Verhandlungen mit den politischen Entscheidungsträgern, Umweltverbänden und der Bürgerinitiative. Das ist lupenreiner Obrigkeitsstaat.

Warum kann das selbstherrliche Gebaren des Wasser- und Schifffahrtsamtes niemand stoppen?

Carolin Brummet, Berlin-Wilmersdorf

Schön, dass der Autor uns daran erinnert, dass wir der Staat sind! Und damit die Eigentümer und Eigentümerinnen dessen, was staatlich ist, auch wenn wir es nicht in jedem Fall „besitzen“. Diese Art von Bewusstseinspflege ist offenbar bitter nötig in diesem Staat, dessen Bedienstete sich doch nur deshalb so obrigkeitsstaatlich verhalten können, weil die Bürger und Bürgerinnen es zulassen! Viele vergessen ja sogar, dass Politiker und Politikerinnen auf Zeit gewählt sind, durch uns. Dass Politiker und Politikerinnen das vergessen, kann uns ja nicht daran hindern, sie immer wieder an ihre Verantwortung zu erinnern und entsprechend zu kontrollieren. Dass wir der Staat sind, gilt übrigens nicht nur bei Bäumen am Landwehrkanal, also nicht so bescheiden, sondern auch bei allen staatlichen Einrichtungen, ebenso Anstalten des öffentlichen Rechts (zum Beispiel BVG) oder Staatsunternehmen in Form einer Kapitalgesellschaft, also Deutsche Bahn! Mehdorn ist unser aller Arbeitnehmer, wenn man es etwas zugespitzt formuliert.

Sybille Uken, Berlin-Wilmersdorf

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