Leserbriefe : Wir sind in einer sozialen Notsituation

„Gleich macht ungleich / Die Schule muss sich den Schülern anpassen – nicht umgekehrt“ von Hans Eberwein vom 24. März

In diesem Beitrag führt der Autor viele richtige Argumente auf und schlussfolgert daraus, dass sich die Schule ändern müsse und nicht die Schüler. Auch das ist richtig. Nur nicht hilfreich in der augenblicklichen Situation in Deutschland, die eine soziale Notsituation darstellt. Es leben Millionen Migrantenkinder hier, deren Chance, in der Gesellschaft anzukommen, geringer ist als die der Eltern und Großeltern, seinerzeit „Gastarbeiter“ genannt. Anders als die erste und zweite Migrantengeneration, z. B. die aus der Türkei, wurde die dritte vornehmlich von der deutschen Gesellschaft geformt und hat daher auch nur geringe Chancen, in der Heimat der Eltern anzukommen.

Eine Initiative wie in Hessen, auf Vorbereitungsklassen zielend, wird vom Autor negativ bewertet mit den Worten: „Kindern ausländischer Eltern wird die Botschaft vermittelt, dass sie sich anpassen und den Erwartungen von Schule und Lehrern entsprechen müssen. Schaffen sie das nicht, bekommen sie schlechte Noten oder werden durch Sitzenbleiben beziehungsweise Aussonderung bestraft.“ Diese Aussonderung ist seit langem der Fall, und es ist nicht abzusehen, wann sie Geschichte sein wird. Die Folgen fehlender Lösungen für die jetzige Situation kommen auf die deutsche Gesellschaft zu, ob sie das will oder nicht. Und die werden nicht gerade angenehm ausfallen.

In dieser Situation empfinde ich das Durchlaufen einer Vorbereitungsklasse als Starthilfe als das geringste Übel. Der Nachteil, dass man ausländischen Eltern eine unangenehme Botschaft vermittelt, kann getrost in Kauf genommen werden. Ich selber war auf einer deutschen Auslandsschule und musste ein Schuljahr lang wöchentlich 30 Deutschstunden absolvieren, um später einem Unterricht in Deutsch folgen zu können. Meine Eltern und ich haben dies als ein Privileg angesehen, u. a. weil die Schule 90 Prozent der Bewerber abwies. Heute müssen Eltern in der Türkei ihre Kinder bereits ein oder zwei Jahre vor dem Wechsel auf eine höhere Stufe richtig trimmen, viel Arbeit und Geld investieren, damit diese überhaupt angenommen werden. Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfung für die Unis haben sich zu einer Industrie entwickelt. Soll man da die Eltern in Deutschland mit unangenehmen Botschaften verschonen, die sie ohnehin kennen?

Wir befinden uns in einer Notsituation – und die, die geschont werden sollen, werden am stärksten unter einer Aufschiebung der Lösung zu leiden haben. Daher können unangenehme Botschaften jetzt spätere der gleichen Art überflüssig machen.

Dr. Ahmet E. Cakir,

Berlin-Charlottenburg

Ich unterrichte Jugendliche in einer einjährigen Berufsfachschule, über deren Vorgeschichte ich nur weiß, dass fast alle langjährige Schulversagerkarrieren hinter sich haben. Anstatt sie „dort abzuholen, wo sie stehen“, wird von mir verlangt, dass ich sie gemäß der vorgegebenen Bildungsstandards innerhalb von ein paar Monaten auf den Mittleren Schulabschluss vorbereite. Ein Ding der Unmöglichkeit! Fordern ohne Fördern – als pädagogisches Prinzip! Die Folgen sind weitere Misserfolgserlebnisse, Frust und schließlich für mehr als die Hälfte die Entlassung auf die Straße oder in irgendeine weitere Maßnahme. Die Folgen für unsere Gesellschaft sind bekannt.

Die Aussage von Herrn Eberwein, „dass sich Schule und Lehrer in der Regel nicht für die Lern- und Lebenserfahrungen der Schüler interessieren und im Unterricht nicht daran anknüpfen“ ist sicher überzogen. Viele ambitionierte Versuche scheitern aufgrund der unsäglichen Rahmenbedingungen in den Schulen. Trotzdem verstehe ich den Kommentar nicht als Lehrer- sondern als Politikerschelte. Er weist auf die „ungelöste Aufgabe für die Lehreraus- und -fortbildung“ hin, macht klar, dass die Probleme der Schulen „nur mithilfe sozialpolitischer und sozialpädagogischer Maßnahmen überwunden werden könnten“ und prangert an, „dass die allgemeine Forderung von Bildungspolitikern nach Chancengleichheit das Problem unterschiedlicher Lernvoraussetzungen nicht löst, sondern verschärft“. Bleibt zu hoffen, dass diese treffende Analyse als Appell bei unseren Bildungspolitikern ankommen möge!

Sigrid Falkenstein, Berlin-Lichtenrade

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