Leserbriefe : „Wir verlängern nicht das Leben, sondern das Sterben“

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„FDPPolitikerinnen fordern offene Debatte über Sterbehilfe“ vom 20. Oktober 2005

Da ich meine schwerstkranke Mutter auf ihrem langen Sterbe- und Leidensweg über zwölf Jahre lang begleitet (und mitgelitten) habe, möchte ich mich unbedingt zu diesem Thema äußern. Vorab möchte ich betonen, dass ich den Gläubigen und Tiefreligiösen mit meiner Meinung nicht zu nahe treten möchte.

Meine Mutter war 81 Jahre alt, als die Altersdepressionen begannen, einhergehend mit schweren Unruhe-Ausbrüchen (medikamentös bedingt), mehrere Operationen der Gelenke folgten, die sie dennoch für immer an den Rollstuhl fesselten. Nebenbei wurde Magenkrebs diagnostiziert und Alzheimer hatte schleichend begonnen, aber längst Besitz von ihr ergriffen. Während der noch folgenden zwölf Lebensjahre durchlitt sie alle Stadien des Krebses und der Alzheimer-Erkrankung.

Mit 92 Jahren – ich war siebzig Jahre alt und am Ende meiner Kraft – brachte ich sie in ein Pflegeheim. Mit 93 schnappte der Krebs endgültig zu und sie durfte endlich sterben. Ich betone das, da sie bereits viele Jahre zuvor begonnen hatte mich anzuflehen, sie sterben zu lassen. Ich geriet in schwere Gewissensnöte und trotzte letztlich ihrem täglichen Flehen. Es folgten nicht enden wollende, schwere Jahre.

In dem gut geführten Pflegeheim, in dem sie noch acht Monate „lebte“, lagen sie regungslos, ruhig gestellt, mit aufgerissenen Mündern, starr an die Decke gerichteten Augen – die Alten, die Schwerkranken. Das Essen wurde mechanisch geschluckt.

Die Greise/Greisinnen, die sich noch etwas bewegen konnten, versammelten sich täglich im Foyer nach dem Frühstück. Eine halbrunde Halle, in die das Tageslicht durch ein paar Fensterchen fiel, wurde zum Fixpunkt für sie. Ich ging oft durch diese Halle, aber niemals habe ich nur einen der Alten sprechen oder gar miteinander reden hören. Sie starrten alle nur unverwandt ins Leere. Alle befanden sich im Wartezustand: Warten auf den Tod.

Wandte ich mich an den einen oder anderen und versuchte leise mit ihnen zu reden, hörte ich immer dasselbe: „Mutti, bist du das? Holst du mich endlich in den Himmel?“, „Ich will endlich sterben“ oder: „Lieber Gott, hol mich doch“. Wann endlich werden wir dem Flehen schwerstkranker Menschen nachkommen können? Mit unseren Gesetzen verlängern wir kein Leben. Wir verlängern und dehnen gnadenlos nur das Sterben.

Das halte ich für inhuman.

Margot König, Berlin-Wilmersdorf

„Was vom Leben übrig bleibt“

vom 17. Oktober 2005

Hamburgs Justizsenator Roger Kusch (CDU) fordert die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Er stellt die Tötung eines sterbewilligen, schwerkranken Menschen als ein Gebot christlicher Nächstenliebe dar. Ist es nicht vielmehr Aufgabe eines Justizsenators, die Richter auf die wirklich wichtigen ethischen und juristischen Entscheidungen am Lebensende vorzubereiten? Ist es nicht seine Aufgabe, dann zu handeln, wenn es um die tausendfache Körperverletzung durch schlechte Pflege geht?

Warum betont Herr Kusch die Selbstbestimmung nur dann, wenn es um den Tod geht? Wo bleibt die Selbstbestimmung der Schwerstkranken und Sterbenden, die gegen ihren Willen bis zuletzt Maximaltherapie bekommen? Wo bleibt die Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen, die auf Grund schlechter Versorgung leiden. Warum wird nicht über eine gesetzliche Regelung der Patientenverfügung entschieden? Wann werden ärztliche Hausbesuche bei Schwerstkranken und Sterbenden angemessen abrechenbar sein? Und wann wird die starke Pflegebedürftigkeit Demenzkranker endlich von der Pflegeversicherung anerkannt?

Christa Boss, Bad Kreuznach

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