Leserbriefe : Zum Umstieg bewegen

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Zum Artikel "Was machen wir heute" von Brigitte Grunert vom 15. Dezember

Selten hat mir ein Artikel dieser Rubrik so aus dem Herzen gesprochen. Eigentlich bin ich ein notorischer Autofahrer. Aber hin und wieder, wenn das Auto mal in der Werkstatt ist, bin ich doch gezwungen, die „Öffentlichen“ zu benutzen. Es ist ein Graus, was sich da an Verwahrlosung in den Stationen und Bahnen auftut (leider nicht nur auf Dinge bezogen). Und dafür soll man für eine einfache Strecke ohne Umsteigen wie zum Beispiel vom Kottbusser Tor bis Wittenbergplatz 2,10 Euro berappen. Einfache Fahrt, wohlgemerkt. Macht dann 4,20 Euro am Tag, wenn man abends von seiner Arbeit wieder nach Hause möchte. Da zieht man als autofahrender Berliner in der Regel doch das eigene Gefährt vor.

Frau Grunert hat völlig recht: Anstelle immer weiter am Personal zu sparen, sollte man dieses sinnvoll und gewinnbringend einsetzen. Und eine einladend saubere U-Bahnstation und geschultes Personal, das man auch mal etwas fragen kann, lockt mehr Kundschaft an und steigert somit auch den Gewinn.

Aber ist man daran wirklich interessiert? Es drängt sich der Verdacht auf, dass die gewinnorientierte Betriebsführung ähnlich der der Bäderbetriebe arbeitet: mehr Leute machen auch mehr Dreck, ergo mehr Arbeit; also Preise rauf, weniger Kundschaft und man hat ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis pro Person. Aber ist dies auch im Sinne der Gesellschaft, die sich diese Institutionen – Bäder, U-Bahn, S-Bahn – ursprünglich mal geleistet hat? Sollten diese nicht vielmehr möglichst vielen Bürgern zu angemessenen Kosten einen Bäderbesuch oder den Transport von A nach B ermöglichen?

Andere haben es schon vorgemacht, wie das immer mal wieder zitierte Ruhrgebiet oder zum Beispiel Mailand. Ich hatte vor einiger Zeit eine Besucherin aus dieser schönen Stadt, die sich sehr über die hiesigen U-Bahnpreise wunderte. In Mailand habe man vor Jahren schon die Preise auf einen Euro pro Fahrt herabgesetzt – und die Bahnen waren auf einmal voll. In Berlin kommt man zum vergleichbaren Kurzstreckentarif praktisch nirgendwo hin: Da man noch nicht mal umsteigen darf, laufe ich die drei Stationen im Zweifel lieber zu Fuß, als mich in eine der unsäglichen Stationen zu bemühen, auf den Zug zu warten und dafür auch noch Geld zu berappen. Zumindest in der Innenstadt bin ich wohl in den meisten Fällen fast mit dem Zug da und habe noch etwas für meine Gesundheit getan.

Es kann doch nicht darum gehen, wie man aus den schon bisher betreuten „Schäfchen“ – nämlich den BVG-Nutzern – noch mehr rauspressen kann, ohne dass zu viele davonlaufen, sondern wie man noch mehr Leute zum – und sei es gelegentlichen – Umstieg auf Bahn und Bus bewegen kann, und somit etwas – siehe Umwelt – nicht nur zur verkehrlichen Entlastung unserer Stadt beiträgt.

Gunter Bauer, Berlin-Kreuzberg

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