Leserbriefe : Zur Unterschrift genötigt

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Betrifft: „Wissenschaft macht Skandal“ vom 6. Dezember und „Hinter dem Vorhang, wo ich einmal war“ vom 13. Dezember 2003

Obwohl ich weiß, dass Historiker den Zeitzeugen oft weniger vertrauen als Protokollen und Aktennotizen, selbst wenn sie sich als gefälscht oder geschönt herausstellen, erlaube ich mir als Angehöriger des Jahrgangs 1927 und quasi mitbetroffener Zeitzeuge zu den Vorwürfen gegen Walter Jens und andere wegen ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP eine Erfahrung einzubringen.

Nach meiner Erinnerung war es im Herbst 1944 – ich war Schüler der Abschlussklasse der Lehrerbildungsanstalt in Brandenburg/Havel, die in der „WernerMölders-Schule“ in Görden untergebracht war – als wir laut Tagesplan zu einem Marsch in die Stadt zur zentralen Geschäftsstelle der NSDAP befohlen wurden. Jeden Einzelnen rief man in einen Raum, in dem mit Namen vorbereitete Antragsformulare auf einem Schreibtisch ausgebreitet lagen, um ein so genanntes Mitglied der NSDAP zu werden. Ich war siebzehn, hatte in meiner Spandauer Heimat einer illegalen katholischen Jugendgruppe angehört und Briefe von Bischof Graf Gahlen mitverbreitet. In mir sträubte sich alles gegen diesen Nötigungsakt, aber ich unterschrieb, nahm das Parteiabzeichen und setzte, um meinem inneren Protest Ausdruck zu verleihen, unter meine Unterschrift ein kleines „n“, das für „nein“ stehen sollte. In dieser Fließbandaktion fiel das nicht auf, aber vielleicht können die Historiker ja mein Antragsformular noch finden und meine Erinnerung überprüfen.

Im Übrigen habe ich, wie Walter Jens, nie einen Mitgliedsausweis erhalten und mich auch nicht als Mitglied eingestuft. Ob mein Umzug nach meiner Einberufung, Ende 1944, von Brandenburg nach Spandau wie der von Jens von Hamburg nach Freiburg irgendwo registriert ist, weiß ich nicht. Die breite Diskussion um eine Mitgliedschaft von Walter Jens in der Nazipartei finde ich unabhängig davon absurd, aber leider auch typisch deutsch.

Reinhard Appel, Chefredakteur des ZDF i.R., Bonn

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