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Leserkommentar : Religiöser Fanatismus wird in Deutschland produziert

27.03.2012 10:48 Uhr
"Wer soll in die Gesellschaft integriert werden, wenn nicht die Menschen, die sich mit dem NPD-Programm offen oder latent identifizieren?"Bild vergrößern
"Wer soll in die Gesellschaft integriert werden, wenn nicht die Menschen, die sich mit dem NPD-Programm offen oder latent identifizieren?" - Foto: Privat

Lange Jahre war der Friseur unseres Lesers Hassan M. säkular und tolerant. Jetzt tendiert er zu fundamentalistischem Gedankengut. Das ist ein deutsches Problem, findet unser Leser.

Ich bin gestern zu meinem Friseur gegangen, den ich seit zirka drei Jahren regelmäßig besuche. Etwas schockiert war ich schon, als ich ihn in seiner neuen Aufmachung zu Gesicht bekam. Er hat bei mir, seit ich ihn kenne, keinen besonders religiösen Eindruck gemacht. Im Gegenteil, seine Einsichten kamen mir säkular und sehr tolerant vor. Er hörte westliche Musik und äußerte sich kritisch gegenüber Erdogan und seiner islamisch gefärbten Politik. Auch seine Familie in der Türkei gehört nicht zu einer religiösen Schicht.

Einmal, als ein anscheinend „fanatisch-religiöser Moslem“ (so bezeichnete er ihn) in seinen Friseurladen kam, um seinen Bart zu trimmen, hat er sich über ihn sehr kritisch geäußert.

Angesichts dieser Kenntnisse, die ich über ihn habe, war ich neugierig, herauszufinden, warum er auf einmal einen Vollbart trägt und seine Kleidung und Haarfriseur nun so sehr der der radikal-konservativer Muslime ähnelt. Ich ließ ihn erzählen und hörte immer wieder seine neue Einstellung über die „gefährliche westliche Kultur“ und über die Vorteile des „islamischen Glaubens“. Er erwähnte das Buch von Thilo Sarrazin und erklärte mir, dass er vielleicht auch vor seinem Laden von den Nazis erschossen werden könnte.

Die Zeit, die ich bei meinem Friseur verbringe, ist nicht so lang, dass ich alles über ihn erfahren kann. Auffällig ist, dass er seine neue Einstellung so demonstrativ durch sein Aussehen zur Schau stellt. Während ich später gedanklich versuchte, Zusammenhänge in seinen Aussagen herzustellen, musste ich immer wieder an den Satz von Innenminister Hans-Peter Friedrich denken, den ich vor einiger Zeit im Tagesspiegel gelesen hatte. Herr Friedrich hat eine im Auftrag seines Ministeriums erstellte Studie über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ mit den Worten kommentiert, man werde keinen „Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten“ akzeptieren.

In dem Fall meines Friseurs ist es allerdings umgekehrt. Seine neue religiöse Gesinnung ist hier in Deutschland entstanden. Seine neue soziale Identität ist eine Folge der neu eingetretenen Erfahrungen, die er in letzter Zeit gemacht hat. Mir scheint es so, dass die Neigung zu religiösem Fundamentalismus als Schutzschild gegenüber der empfundenen Bedrohung verstärkt wird. Hier spielen sicherlich die Themen wie das Buch von Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ und die kürzlich bekannt gewordene deutschlandweite Nazi-Mordserie an Immigranten eine entscheidende Rolle.

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